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Die Toten der Villa Triste

Die Toten der Villa Triste

Titel: Die Toten der Villa Triste Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Lucretia Grindle
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sieht.
    Die ganze Zeit über werden die Bombenangriffe fortgesetzt. Irgendwie wirken sie widersinnig, so als hätten die Alliierten jene Politik der verbrannten Erde übernommen, die eigentlich die Deutschen anwenden, wenn sie sich zurückziehen müssen. Vielleicht liefern sich die beiden Parteien einen Wettkampf darum, wer am meisten kaputt machen kann. Issa berichtete, dass der Brennerpass zu einem Todeskorridor geworden ist. Luftabwehrgeschütze feuern in den Himmel, und aus den Wolken fallen tödliche Bomben. Auch auf beiden Seiten des Po fallen Bomben, und alles, was sich auf der Straße bewegt, wird beschossen. Es gibt kaum noch Benzin und keine Kohle mehr. Also sind die Deutschen dazu übergegangen, zwei Laster an einen anzuhängen, der noch Benzin hat, oder sie setzen Ochsenkarren ein. Man erzählt sich, dass überall in den Straßengräben tote Tiere liegen.
    Issa war meist bei Nacht unterwegs. Ich wusste nie, wann sie heimkommen oder weggehen würde. Vor ein paar Nächten hörte ich mitten in der Nacht Schritte und danach das Scharren des Schlüssels im Schloss. Erst am nächsten Morgen merkte ich, dass sie einen neuen Brief von Lodovico mitgebracht hatte. Bis ich ihn öffnete, war sie schon wieder verschwunden. Was gut war, wenn man bedenkt, was ich darin lesen sollte.
    Lodo behauptete, dass der Angriff demnächst bevorsteht, wie jeder inzwischen weiß. Die Deutschen kämpfen mit dem Rücken zur Wand, genau wie die italienischen Faschisten. Sie werden sich wehren wie in die Ecke getriebene Hunde. Und die Alliierten ihrerseits werden alles in die Schlacht werfen, was ihnen zur Verfügung steht, um den Feind daran zu hindern, über die Alpen zu fliehen. Wir sind dann gefangen zwischen einem rücksichtslosen Sturmangriff und einem ebenso rücksichtslosen Rückzug.
    Aber Lodo hatte einen Plan. Er konnte mich aus dem Land bringen. In Kürze würde ein Fischerboot namens Santa Maria in Genua ablegen. Der Kapitän würde nach mir Ausschau halten und mich an Bord nehmen. Lodovico hatte ihm bereits die Hälfte der Überfahrt bezahlt. Sobald ich sicher in Neapel von Bord ging, würde der Kapitän die andere Hälfte bekommen.
    Ich starrte auf die Worte. Sie verschwammen vor meinen Augen, wollten nicht zur Ruhe kommen, wollten immer wieder vom Blatt rutschen. Bis zu dem von Lodo genannten Termin waren es nur noch drei Tage.
    Ich faltete den Brief zusammen und versteckte ihn.
    Mit einem hatte ich natürlich nicht gerechnet, und das war Issa.
    Als ich am nächsten Tag nach Hause kam, saß sie am Küchentisch, das Blatt Papier glatt gestrichen und ausgebreitet vor sich. Sie hielt es mit beiden Händen auf der Tischplatte, als fürchtete sie, es könne wegfliegen.
    »Was ist das?«
    Ich blieb wie angewurzelt stehen. Dann schloss ich die Tür hinter mir.
    »Du weißt, was das ist«, sagte ich und bemühte mich, dabei so gleichmütig wie nur möglich zu klingen. »Du hast es selbst gelesen.«
    Ich hätte mich ohrfeigen können. Ich hätte das verflixte Ding bei mir tragen sollen. Ich hätte es sofort verbrennen sollen. Ich hätte mir nicht einbilden sollen, dass ich es vor Issa verstecken konnte.
    »Es ist egal.«
    Ich stellte meine armseligen Einkäufe ab, drehte mich um und sah sie an.
    »Ich lasse dich nicht allein«, sagte ich. »Ich werde nicht fahren. Ich lasse dich nicht allein«, wiederholte ich noch einmal, um ihr zu zeigen, dass ich sie keinesfalls verraten würde.
    »Wie meinst du das?«
    Ich zuckte mit den Achseln und lachte dann. »Genau so, wie ich es gesagt habe. Ich werde nicht fahren«, bekräftigte ich. »Ich will nicht. Und selbst wenn ich wollte, käme ich nicht mehr rechtzeitig nach Genua. Außerdem werde ich nicht fahren. Ich lasse dich nicht allein.«
    »Aber du musst. Du musst!«
    Ich brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass sie wütend war.
    »Du kannst nicht meinetwegen hierbleiben.« Sie schüttelte den Kopf. »Das lasse ich nicht zu. Ich brauche dich nicht«, warf mir Issa an den Kopf. »Ich komme allein zurecht.«
    Ich traute meinen Ohren nicht. Ich sah sie mit großen Augen an und entdeckte wieder die kalte Härte in ihrem Blick. Jene kalte Härte, die ich zum ersten Mal an einem Nachmittag auf unserer Terrasse entdeckt hatte – in einem anderen Leben. Nemesis.
    »Ich würde das für dich auch nicht tun«, sagte sie.
    Die Worte trafen mich wie ein Schlag ins Gesicht. Sie verschlugen mir den Atem. Ich starrte sie an, als hätte sie sich unversehens in eine Fremde verwandelt.
    »Wenn Carlo

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