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Dornenkuss

Dornenkuss

Titel: Dornenkuss Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Bettina Belitz
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gelesen oder gehört. Doch ich konnte nicht zuordnen, wo.
    Viel wichtiger war, was Angelo erzählt hatte. Eigentlich ist alles klar und einfach, dachte ich. Es lag auf der Hand: Colin musste Menschen berauben. Wenn er das tat, würde er ein Leben führen können wie Angelo. Entspannt, satt und leichten Herzens. Wir beide konnten das tun.
    In unser Haus war endlich Ruhe eingekehrt. Es roch durchdringend nach Pferdemist, der im Regen feucht geworden war; vermutlich war keine Zeit mehr geblieben, ihn zu entsorgen. Ich nahm den Hintereingang. Von Colin und Louis keine Spur, doch Gianna saß noch in der Küche, am gleichen Platz wie vorhin, übermüdet und verstrubbelt.
    »Da bist du ja endlich!« Sie unternahm einen fahrigen Versuch, ihre Haare zu glätten. »Mensch, Ellie, wie bringst du es nur fertig zu verschwinden, während Louis krank und Colin so von Sinnen ist! Das war echt nicht fair!«
    »Guten Abend«, erinnerte ich sie daran, dass man wenigstens die Regeln der Höflichkeit einhalten konnte, wenn man seine Mitmenschen schon mit ungerechtfertigten Vorwürfen torpedierte. »Warum bist du noch wach?«
    »Weil ich Bauchschmerzen hab und nicht schlafen kann.« Ah. Der Bauch mal wieder. »Außerdem wollte ich auf dich warten. Wo warst du denn die ganze Zeit?«
    »Ist der Tierarzt gekommen? Hat er Louis behandeln können?«
    »Ja. Ja, es kam ein Tierarzt, ziemlich schnell sogar. Louis hat sich wieder aufgerappelt, aber es war furchtbar, warum bist du nicht da gewesen? Ich habe Colin noch nie so erlebt, er hat geschwankt vor Hunger und Wut, konnte sich kaum auf den Beinen halten, ich dachte schon, er fällt mich an …« Ein Schlottern durchlief Giannas gekrümmten Körper. Tastend fuhr sie mit den Händen über ihren Bauch. Sie war Colin nicht gewachsen. Vielleicht sollte Paul mit ihr heimfahren, es wäre besser so. Sie würde noch zusammenbrechen. »Wieso hast du uns alleingelassen?«
    »Weil ich Hilfe geholt habe! Ich war es, die den Tierarzt organisiert hat! Zufrieden? Außerdem wäre ich euch keine Unterstützung gewesen, ich fache nur Colins Hunger an und ganz nebenbei hab ich Angst vor Louis.«
    »Ach, Ellie, du hast doch vor gar nichts mehr Angst«, erwiderte Gianna schneidend.
    »So ein Quatsch. Ausgerechnet ich!«, rief ich lachend. »Ich hab vor fast allem Angst!«
    Gianna stimmte nicht in mein Lachen ein. »Elisa, mach bloß keinen Mist. Ich weiß, er ist schön und hat eine faszinierende Anziehungskraft, aber du hättest Colin sehen müssen …«
    »Ich habe Colin gesehen und ich kenne ihn besser als ihr alle zusammen. Meinst du im Ernst, ich könnte ihn betrügen? Das würde ich niemals tun. Könnt ihr eigentlich nur daran denken, an Sex? Es gibt noch anderes auf der Welt, was Menschen verbinden kann.«
    Gianna sah mich lange an, mit einer milden, aber penetranten Ratlosigkeit in ihrer Miene, die mich mehr an den Pranger stellte, als jede verbale Attacke es vermocht hätte. Sie hatte keinen Grund, das zu tun. Ich hatte nichts Verbotenes angestellt.
    »Sag mal, Gianna, gibt es eigentlich eine Betty Blue?« Vielleicht konnte ich sie mit einer Wissensfrage ablenken; sie kannte sich ja bestens aus in Literatur, Film und Theater. Doch sie lachte nur auf, kopfschüttelnd, ein verächtliches, hässliches Lachen, das ich mir nicht länger anhören wollte. Also gab es keine Betty Blue und sie fand den Namen offensichtlich scheußlich.
    Plötzliche Geräusche aus dem Flur lenkten uns voneinander ab: Stimmen, ein kurzes Rumpeln, als würde jemand etwas Schweres abstellen, Schritte. Wir wendeten gleichzeitig den Kopf zur Tür.
    »Oh, Gott sei Dank, du bist wieder da …«, seufzte Gianna, als Paul zu uns in die Küche trat. Er sah erledigt aus. Das Shirt klebte an seinem Rücken und seine Haare waren verschwitzt. Gianna war sofort bei ihm, schmiegte sich Schutz suchend an seine breite Brust. Er nahm sie fest in die Arme.
    »Ist ja gut. Tut mir leid, wir sind in einen Stau geraten, es ging nicht schneller. Jetzt bin ich hier.«
    »Habt ihr alles bekommen?«, flüsterte Gianna in sein Ohr. Sie brauchte nicht zu denken, dass ich sie nicht hörte. Ich hörte jede Silbe.
    »Warst du jetzt noch einkaufen?«, fragte ich meinen Bruder verständnislos. »Wir haben doch genug da.«
    Paul und Gianna warfen sich einen Blick zu, ohne zu antworten. Sie verheimlichten mir etwas, heckten etwas aus. Was war nun wieder im Busch? Was sollte das? Verdammt noch mal, warum bekam ich immer mehr das Gefühl, dass sie mich von fast allem

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