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Drei Minuten mit der Wirklichkeit

Drei Minuten mit der Wirklichkeit

Titel: Drei Minuten mit der Wirklichkeit Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Wolfram Fleischhauer
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Grundmodells, einer Mischung aus Vamp und Püppchen. Zwei Naturschönheiten, die beim Lachen den Mund weit aufrissen, unablässig Zigaretten rauchten und deren ordinäres Gehabe Giulietta schon bald auf die Nerven ging. Immerhin konnten sie etwas Englisch, was allerdings die Kommunikation nicht unbedingt erleichterte, da ihr Akzent so schauderhaft war, dass einer der Beleuchter sogar neugierig nachfragte, ob die Sprache, welche die Rothaarige da spreche, Latein sei?
    »Wieso denn Latein?«, fragte Lutz.
    »Na ja, det sind doch Lateinamerikaner, oder?«
    Alles an ihnen war übertrieben, insbesondere die Art und Weise, wie sie sich schminkten.
    »Sie müssen Vorfahren aus Peru und/oder Bolivien haben«, meinte Lutz gehässig, »sonst bräuchten sie nicht so viel Paste.«
    »Was meinst du damit?«, fragte Charlie.
    »Na, um die Indiofarbe zu überdecken. Die haben doch alle Angst, nicht als Europäer durchzugehen. Bestimmt haben sie schon eine Nasenoperation hinter sich.«
    »Wie, du meinst, das sind gar keine Argentinier?«
    »Ach was, vergiss es.«
    Giulietta stand auf der Galerie neben dem Regiepult und hörte dem Gespräch unaufmerksam zu. Sie war abgelenkt, denn was Santiago, Celina, Fabio und Veronica dort unten vorführten, war großartig. Sie probten die Szene kurz vor der ersten Begegnung von Julián und Juliana. Dabei mimten sie zwei typische Tangopersönlichkeiten der Jahrhundertwende, den Zuhälter und das Flittchen, die sich in einer Taverne damit amüsieren, einem Grüppchen wohlhabender Nachtschwärmer aus der Oberschicht, welche die Neugier in die Slums von La Boca getrieben hat, einmal zu zeigen, wie man richtig tanzt. Es war hinreißend. Giulietta wusste gar nicht, wohin sie zuerst schauen sollte. Die Musik war fröhlich und beschwingt, ganz anders als das, was Damián und Lutz getanzt hatten. Es waren sogar Flöten zu hören, immer ein Anzeichen für das Fehlen jeglicher Dramatik. Was indessen überhaupt nicht fehlte, war eine unverhüllte Triebhaftigkeit, Beine, die zwischen Beine fuhren, an ihnen hochglitten, auswichen, zurückgestoßen und eingeklemmt wurden und dann wieder provozierend an Schenkeln entlangstrichen.
    »Weißt du, was die englische Königin gesagt haben soll, als man ihr damals den neuen Skandaltanz vorführte?«, fragte Lutz, der neben sie getreten war.
    »Vielleicht: Ein Königreich für einen Tangolehrer?«, seufzte Giulietta.
    »Das hat sie möglicherweise gedacht. Nein, sie hat gefragt, ob man diesen Tanz wirklich im Stehen tanzen soll.«
    »Auch nicht schlecht. Und das ist jetzt also echter argentinischer Tango?«
    »Nein. Das ist eine Milonga, aber gleich geht sie in Tango über.«
    »Und was ist der Unterschied?«
    »Der Rhythmus. Milonga ist im Viervierteltakt, Tango im Zweivierteltakt. Und natürlich die Schritte und die Stimmung. Milonga hat etwas Ländliches, etwas von Polka und Walzer. Tango ist urban, zerrissen, melancholisch, künstlich, wie die ersten Tangotänzer, lauter arbeitslose Cowboys und Gauner in geliehenen oder unbezahlten Smokings.«
    Vor allem wirkte es freudlos, befand sie, nachdem die Musik gewechselt hatte und die Bewegungen der beiden Paare plötzlich etwas abgehackt und eckig wurden, schwerfällig wie die stark synkopierten Rhythmen der dahinrumpelnden Musik. Dort unten auf der Bühne wurden imaginäre Linien gezogen, unüberschreitbare Klassengrenzen. Auf der einen Seite die Tänzer der Vorstadt, der Slums, die gesellschaftlichen Verlierer aus den Mietskasernen; auf der anderen Seite die Touristen aus der Oberschicht, die für einen Abend in den nach Schlachtabfällen stinkenden Stadtteil gekommen waren, um sich am Tanzschauspiel der Primitiven aufzugeilen. Es gab keinerlei Verbindung zwischen den beiden Gruppen – mit einer Ausnahme: Julián und Juliana. Die nächste Szene würde ihnen gehören, Damián und Nieves. Sie saßen bereits im Hintergrund und musterten sich verstohlen, während im Vordergrund noch Proletariat und Kapital ihren immergleichen symbolischen Tausch – Geld gegen Sex, verdrängte Triebe gegen ruchlose Exotik – vorführten.
    Es war das erste Mal, dass Giulietta Nieves auf der Bühne sah. Nein, eigentlich überhaupt des erste Mal, dass sie sie richtig wahrnahm. Seit ihrer Ankunft hatte sie das Theater gemieden. Damián und Claudia hatten Nieves und die anderen vom Flughafen abgeholt und auf unterschiedliche Wohnungen verteilt. Abends hatte sich das nun endlich vollständige Ensemble beim Produzenten getroffen. Giulietta

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