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Edelweißpiraten

Edelweißpiraten

Titel: Edelweißpiraten Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Dirk Reinhardt
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Baustelle, und nach Feierabend ging ich gern in eine Gaststätte in der Nähe, um noch ein Bierchen zu trinken. Eines Abends saß er dort. An einem Tisch in der Ecke.«
    »Hat er Sie erkannt?«
    »Oh, ja. Er hat mich angesehen, und dann hat er gegrinst. Es war ein teuflisches Grinsen. Er hat genau gewusst, wer ich bin.«
    »Und Sie? Was haben Sie getan?«
    »Eigentlich gab es nur zwei Möglichkeiten«, sagte er. »Entweder auf der Stelle wieder zu gehen – oder ihn umzubringen.«
    Er hob den Kopf und sah mich an. Dann zuckte er mit den Schultern.
    »Ich bin gegangen.«

3. September 1944
    Das Erste, was Tom und ich getan haben, als wir vom EL-DE-Haus wieder nach Ehrenfeld kamen, war, zu Tilly und Flocke zu gehen. Seit unserer Verhaftung hatten wir nichts mehr von ihnen gehört, und nach dem, was der Mann in der Zelle über Maja erzählt hatte, waren wir fast krank vor Angst um die beiden. Immer wieder hatten wir uns ausgemalt, was Hoegen mit ihnen anstellen könnte. Das waren die schlimmsten Momente von allen: da unten zu hocken, nichts über sie zu wissen und nichts für sie tun zu können.
    Deshalb waren wir heilfroh, als wir die beiden getroffen haben und es ihnen gut ging. Sie haben erzählt, sie wären schon nach zwei Tagen entlassen worden, zusammen mit Goethe. Anscheinend haben die von der Gestapo sie für harmlose Mitläufer gehalten, die nicht viel wissen. Gleich als sie raus waren, sind sie zu unseren Müttern und haben ihnen alles erzählt, und die sind von da an jeden Tag am EL-DE-Haus gewesen und haben Krach geschlagen. Von wegen, dass sie die halbe Stadt zusammenbrüllen, wenn sie ihre Söhne nicht wiederkriegen. Wir haben nie was davon mitbekommen, und runtergelassen zu uns haben sie sie auch nicht. Aber anscheinend ist der Gestapo die Sache doch zu heiß geworden, und als keiner von uns was zugegeben hat, mussten sie uns laufen lassen – sie hatten einfach nichts in der Hand, das sie uns beweisen konnten.
    Wir haben ein paar Tage gebraucht, bis wir wieder halbwegs
bei Kräften waren. Dann, eines Abends, hat Frettchen uns auf einmal zusammengetrommelt. Er war total aufgeregt und hat gesagt, er wüsste jetzt, wie’s zu der Sache gekommen ist. Ganz zufällig hätte er’s rausgefunden, weil er doch mit Maja in einer Straße wohnt.
    »Unser Blockwart war’s«, hat er gesagt. »Der Scheißkerl hat sie nachts beobachtet, wie sie Flugblätter ins Haus getragen hat, die wir am nächsten Tag verteilen wollten. Sie muss eins davon verloren haben, und das hat der Kerl gefunden und sie angeschwärzt. Als die Gestapo gekommen ist, waren die Flugblätter zwar schon weg, aber Maja haben sie trotzdem einkassiert.«
    »Woher weißt du das?«, hat Flint ihn gefragt.
    »Bei uns in der Straße gibt’s ’ne Kneipe, die sie noch nicht dicht gemacht haben. Gestern Abend bin ich da vorbeigekommen und hab zufällig gesehen, wie der Kerl mit seinen Nazikumpels in der Ecke sitzt. Ich bin rein und hab die Lauscher aufgestellt, weil ich dachte, vielleicht hör ich was, das wir wissen müssen. Er hat sich mit seinen Heldentaten gebrüstet – und dabei hat er die Geschichte erzählt.«
    Uns hat die kalte Wut gepackt. Alles, was wir im EL-DE-Haus durchgemacht haben, ist wieder hochgekommen, und wir haben gedacht: So ’ner miesen Ratte von Spitzel haben wir das Ganze also zu verdanken!
    Letzte Nacht haben wir uns an Frettchens Block getroffen und den Kerl auf seinem Rundgang abgepasst. Es war nicht schwer, er hat sich sicher gefühlt. In ’nem dunklen Torbogen haben wir auf ihn gewartet. Kralle hat ihm eine verpasst, dann haben wir ihm das Maul zugehalten und ihn weggeschleppt. Über die Straße und runter in den Keller von ’nem ausgebombten Haus, wo uns keiner stört.
    Da unten haben wir ihn uns vorgenommen. Damit er auch mal sieht, wie’s ist, wenn man fertig gemacht wird und nichts
dagegen tun kann. Wenn man allein ist und einem keiner hilft. Frettchen hat sich zurückgehalten, damit der Kerl ihn nicht erkennt. Aber wir anderen – Tom und ich, Flint, Kralle und der Lange – haben ihn bearbeitet, bis er sich nicht mehr rühren konnte.
    Als er genug hatte, haben wir aufgehört. Das heißt: bis auf Flint. Der hat immer weitergemacht, er ist wie von Sinnen gewesen. Er hat auf den Kerl eingetreten, und dann hat er ’n Schlagring aus der Tasche gezogen, den er auf dem Schwarzmarkt besorgt hatte, und damit zugeschlagen.
    Schon vorher hab ich gemerkt, dass er sich verändert hat, seit das mit der Gestapo passiert ist.

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