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Ein Land, das Himmel heißt

Ein Land, das Himmel heißt

Titel: Ein Land, das Himmel heißt Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Stefanie Gercke
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sie kurz, drehte ihm den Rücken zu und starrte hinaus, wo die aufgehende Sonne die weißen Gischtschleier, die der Sturm über das schiefergraue Meer trieb, in schillernde Regenbogenfarben tauchte. »Ich will ein eigenes.«
    Seine Hand rutschte von ihrer Schulter ab, und sie hörte seinen resignierten Seufzer. Schlagartig wurde sie an Angelicas Worte erinnert. Auch er hat sein Baby verloren, hatte sie gesagt. Beschämt drehte sie sich zu ihm und schlüpfte in seine offenen Arme. Einander festhaltend, schliefen sie endlich ein.
    *
    »Nun bleib mal ganz locker«, sagte Angelica Farrington, als sie Ende Juli, in der kalten Zeit, zum Nachmittagstee kam, »du bist jetzt erst vierundzwanzig Jahre alt, da musst du noch ein bisschen üben. Bei mir hat’s ja auch geholfen.« Sie streckte ihren Bauch vor. »Noch acht Wochen, dann kommt schon das Nächste … Ich bekomme Panikanfälle, wenn ich nur daran denke. Manchmal zweifle ich an meiner eigenen Zurechnungsfähigkeit.« Sie drückte Jill ihren kleinen Sohn in den Arm.
    »Du kannst ihn füttern. Obwohl wir dafür lieber ins Bad gehen sollten, deine Einrichtung ist nicht gerade kindergerecht. Teppich, Möbel, alles nur in Weiß, das ist eine Herausforderung für diesen kleinen Terroristen.« Aufstöhnend warf sie sich in die weiße, knautschige Couch, streckte die Beine aus. »Ich fühle mich wie eine Zuchtkuh, sieh mich an, meine Figur ist vermutlich für immer zum Teufel, Alastair wird mir bald weglaufen, und wenn ich an die schlaflosen Nächte denke, die Ringe unter den Augen …«
    Jill lachte laut, breitete ein Badelaken auf dem Boden aus und setzte sich mit dem Kleinen auf dem Schoß darauf. Patricks Händchen tastete nach ihrer, er umklammerte ihren Zeigefinger und begann, daran zu nuckeln. Sie spürte ein süßes Ziehen unterhalb des Nabels. Es war wie ein Schmerz und ganz und gar unerträglich. Schnell wandte sie sich ab, schaute nach draußen. Durch die weit offenen Fenster und Türen strömte kühle, feuchte Luft. Der Regen trommelte aufs Dach, klatschte auf die Verandafliesen, stürzte als Wasserfall vom Dachüberstand, das Land unter ihnen lag verborgen hinter einem silbrig grauen Vorhang. »Ende September also. Wenigstens nicht die heißeste Zeit. Du siehst müde aus, ein bisschen verquollen«, bemerkte sie, als sie sich ihrer wieder sicher war. Sie wischte Patrick den Karottenbrei aus dem Gesicht.
    »Wunderbar, das ist genau das, was ich hören wollte! Kannst du mir nicht erzählen, dass die Mutterschaft mich zum Leuchten bringt oder so einen Quatsch?«
    Jill kicherte. Angelica war groß und zu anderen Zeiten schlank, hatte halblange blonde Haare, ein Indianerprofil, Schwimmerschultern und Schuhgröße 41. Wenn sie auf einem Pferd saß, die stahlblauen Augen furchtlos auf den Horizont gerichtet, war sie die Verkörperung einer Amazone. Nur Jill wusste, dass ihre Freundin von zarten, wehenden Gewändern und Silbersandaletten träumte. Sie konnte tränenreich am Grab ihres Wellensittichs trauern, aber wenn ihr jemand auf die Nerven ging, brüllte sie wie ein Dragoner. Angelica war das Beständigste und Verlässlichste in ihrem Leben. Außer Mama. »Willst du nach diesem Baby aufhören?«
    »Guter Gott, nein, Alastair will am liebsten eine halbe Fußballmannschaft, aber ich weiß nicht, ob ich das durchhalte. Komm her, du Schreihals.« Sie packte den brüllenden Patrick, roch mit gekrauster Nase an seiner Windel. »Bah, schon wieder eine voll. Ein äußerst produktives Kind.« Sie entfernte die verschmutzte Windel. Jill trug sie mit spitzen Fingern ins Bad und warf sie in den Mülleimer. »Habt ihr schon etwas über Tommys Mörder erfahren?«, fragte Angelica und versuchte Patrick zu bändigen, der gurgelnd karottenrote Blasen blies und munter strampelte.
    »Nichts«, antwortete Jill, während sie sich die Hände wusch, »ist Alastair eigentlich noch in der Farmervereinigung?«
    »Ja, warum?«
    »Ach, nur so.« Jill beschäftigte sich mit ihren Fingernägeln. Du darfst mit keinem darüber reden, hatte Neil sie gewarnt, und sie hielt sich daran. »Macht er sich Sorgen, seit Mandela frei ist und der ANC und die anderen Parteien legalisiert worden sind?«
    »Und die Mordrate in Natal täglich steigt? Natürlich, wer macht sich keine Sorgen. Es heißt, dass ein Farmer von allen Berufen die beste Chance hat, ermordet zu werden. Schöne Aussichten für unsere Zukunft«, sie lächelte grimmig, klopfte auf ihren Bauch, »unsere schwarzen Arbeiter haben schon gefragt,

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