Ein Land, das Himmel heißt
erschrak sie fast zu Tode.
»Aussteigen«, sagte eine männliche Stimme.
»Wieso?«, fragte sie ohne aufzusehen, nicht begreifend. »Was hab ich getan, Officer?«
Brüllendes Gelächter antwortete ihr, und das riss ihr den Kopf hoch. Was sie erblickte, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren, sie glaubte geradewegs in der Hölle gelandet zu sein. Vier Totenköpfe hingen vor ihren Fenstern. Sie schrie unterdrückt, die aufsteigende Panikwelle drohte sie fortzuschwemmen, aber in letzter Sekunde erkannte sie, dass vier schwarze, sehr lebendige Männer vor ihr standen, die die Knochenstruktur ihrer Gesichter mit grünlich weißer Leuchtfarbe nachgemalt hatten. Keiner trug eine Uniform. Das blaue Blinklicht huschte über die Totenschädel, reflektierte von dem Seitenspiegel auf die Hände, verwandelte die gesunde Hautfarbe in ein abstoßendes Leichengrau. Eine dieser Hände hielt eine Pistole, die Mündung ragte nur Zentimeter vor ihrem Gesicht durch den Fensterspalt.
»Raus«, sagte der Mann mit der Pistole wieder und trat dabei gegen ihre Tür. Der Wagen schwankte. Die drei anderen standen hinter ihm und grinsten. Der Effekt machte sie atemlos vor Angst.
Würde sie aussteigen, wäre das ihr Ende, das wusste sie, und wie das aussehen würde, wollte sie sich nicht ausmalen. Langsam löste sie ihre Finger, die immer noch das Lenkrad umklammert hielten, einen nach dem anderen. Sie blieben in der Griffposition verkrampft, aber die Konzentration darauf half ihr. Die Panikwelle fiel in sich zusammen. Ihr Gehirn begann wieder zu arbeiten. Nicht die Tür öffnen, Fenster schließen, wegfahren, befahl sie sich und zwang sich, diesem Scheusal in die Augenlöcher zu sehen. »Ich muss die Tür erst aufmachen …«, krächzte sie zittrig.
Der Mann nickte, zog die Revolvermündung ein paar Zentimeter zurück, damit sie den Türgriff erreichen konnte. Sie aber drückte blitzschnell den Fensterheber und trat gleichzeitig das Gaspedal durch. Der Wagen machte einen Satz, das Fenster rauschte hoch und schlug gegen die Waffe.
Die nächsten Sekunden bestanden nur aus Geräuschen. Einem Knall, der ihr fast das Trommelfell zerriss, splitterndem Glas, Aufjaulen des Motors, metallischem Kreischen, als sie mit ihrem Kotflügel die gesamte Seite des BMW s entlangschrammte. Grobe Männerstimmen brüllten, ein dumpfer Schlag traf die Karosserie ihres Autos, und dann waren da nur noch das Rauschen und Klingeln in ihren Ohren, das Hämmern ihres Herzens und das Rumpeln der Reifen auf der unebenen Straße. Ihre linke Schulter war lahm, als wäre sie von einem Pferd getreten worden, der Schmerz pochte dumpf, aber sie beachtete es nicht. Sie brauchte ihre Konzentration, um nicht in die Schlaglöcher im Asphalt zu knallen. Im Slalom raste sie die Straße hinunter.
Von der Fahrt blieben ihr nur diese Geräusche im Gedächtnis, das gespenstische Irrlichtern ihrer Scheinwerfer über Hütten, leere Landschaft, streunende Hunde mit glühenden Augen, Schwarze, die sie anstarrten. Nach Ewigkeiten erst tauchte vor ihr die Bushaltestelle auf und dann das große emaillierte Schild mit der Inschrift »Inqaba«.
Erst als sie Martin, der auf ihr hysterisches Hupen aus dem Haus gestürzt kam, weinend in die Arme fiel, merkte sie, dass sie verwundet worden war. Die Kugel musste irgendwo im Wagen abgeprallt sein und steckte nun in ihrer linken Schulter.
Der Dienst habende Arzt in der Ambulanz in Empangeni war, wie jeder südafrikanische Krankenhausarzt, mit Schussverletzungen bestens vertraut. Am Wochenende, wenn die Opfer von bewaffneten Auseinandersetzungen eingeliefert wurden, glichen die Ambulanzen der hiesigen Kliniken einem Schlachtfeld.
Gegen Mitternacht lag sie schon wieder, voll gepumpt mit Schmerzmitteln, schläfrig von der Kurznarkose, in ihrem eigenen Bett auf Inqaba. Die Nacht wurde unruhig. Als die Schmerztabletten aufhörten zu wirken, pochte die Wunde, brannte wie Feuer. Gegen fünf Uhr wachte sie auf, brauchte ein paar Sekunden, um sich zu orientieren. Ihre Kehle fühlte sich an wie Schmirgelpapier, der Geschmack im Mund war ekelhaft. Mit geschlossenen Lidern tastete sie mit der gesunden Hand auf ihrem Nachttisch, in der Hoffnung, etwas zu trinken zu finden. Vergeblich. Sie öffnete die Augen.
Sie saß neben ihrem Bett im Korbstuhl, den Kopf an die Rückenlehne gesunken, die Augen geschlossen, ihre Hände im Schoß.
»Mama?«, rief Jill und fuhr aufgeregt hoch, fiel aber mit einem Aufschrei zurück, als ein glühendes Messer in ihre
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