Elbenzorn
tüchtiges Stück des Wegs er am Vortag hinter sich gebracht hatte. Die Kronberge schienen schon zum Greifen nahe, aber der Zwerg wusste, dass er noch einen guten Tagesritt, vielleicht sogar etwas mehr, bis zur Feste des Königs hinter sich bringen musste.
Der Pfad, den er entlangritt, wurde noch schmaler und steiniger und führte steil an der Flanke des Gebirges entlang. Bis gestern war er hin und wieder noch durch einen kleinen Wald geritten. Die Bäume, die nun nur noch spärlich seinen Weg säumten, waren kleinwüchsiger und knorriger als die des warmen Tieflandes, und ihr Wuchs beugte sich dem starken Nordostwind, der vor allem im Winter unablässig von den Gipfeln der Kronberge herabwehte. Hasenherz zeigte jetzt seine wahre Stärke. Das Pony kletterte unverdrossen und in schnellem Tempo den steilen Pfad empor und scherte sich nicht um Geröll und unebenen Boden. Trurre saß schweigend im Sattel, seine fröhliche Laune hatte sich mit jeder Länge, die sie sich der Zwergenfestung näherten, weiter verdüstert.
Spät am Mittag gönnte er sich und dem Pony eine Pause, aber die Unrast trieb ihn weiter. Er wollte noch vor Einbruch der Nacht in der Kronburg eintreffen, und das erlaubte keine lange Pause.
»Verzeih mir, Hasenherz«, sagte er, als er wieder in den Sattel stieg und das Pferdchen antrieb. »Du bekommst das süßeste Heu, Hafer, so viel du fressen kannst und einen schönen warmen Stall, sobald wir da sind.«
Das Pony schüttelte den Kopf, dass seine Mähne flog, und kletterte tapfer weiter den Berg hinauf. In der Dämmerung sah Trurre zum ersten Mal in der Ferne die Wachfeuer auf den Mauern der Kronburg aufleuchten. »Nicht mehr weit«, sagte er erleichtert und besorgt zugleich. »Bald sind wir da, Hasenherz.«
Eine knappe Länge vor der Burgmauer stieß er auf die erste Wache. »Halt«, rief eine knarrende Stimme im rumpelnden Dialekt des nördlichen Zwergenvolkes. »Wer reitet dort durch die Nacht?«
»Trurre Silberzunge«, erwiderte der Zwerg. »Ich bringe dem König Botschaft aus dem Tiefland.«
Stimmen murmelten. Dann löste sich eine dunkle Gestalt mit einem Speer aus dem Schatten eines Felsens. Dunkle Augen in einem bärtigen Gesicht starrten Trurre misstrauisch an. »Bist du wirklich der, der du zu sein behauptest? Beweise es«, forderte der Wächter Trurre auf.
Trurre hob die Arme und drehte sich ein wenig. »Siehst du meine Axt?«, fragte er säuerlich.
Der Wächter verneinte erstaunt.
»Kennst du einen anderen Zwerg, der ohne seine Axt reist?«, knurrte Trurre. »Außerdem, was soll die Befragung, sehe ich etwa aus wie ein Ork-Spion? Ich bin ein Zwerg, das kann doch wohl sogar ein hirnloser Blinddachs wie du erkennen.« Er beugte sich vor und musterte den Wächter genauer, der beleidigt zurückstarrte.
»Du bist einer der Langzahn-Brüder«, sagte er. »Entweder Bjarn, Beorn, Brage oder Barne. Lass mich jetzt gefälligst durch.« Der Wächter knurrte, aber er gab den Weg frei. »Du weißt, dass du nicht willkommen bist, Trurre Silberzunge«, rief er Trurre giftig hinterher.
»Ja, ja«, winkte Trurre ab, ohne sich umzuwenden. Er ritt den gepflasterten Weg entlang, der zum Haupttor der Festung führte.
Die Kronburg, seit Urzeiten Sitz der Zwergenkönige, beeindruckte vor allem durch ihre trutzigen, aus groben grauen Steinen gefügten Mauern, die wuchtig und breit auf der Bergflanke lasteten. Die Festung wuchs nicht allzu hoch in den kalten Himmel, aber Trurre wusste, wie endlos tief hinab in den Berg ihre Gänge, Säle und Kammern führten.
Er gelangte ans Tor und schlug donnernd mit seinem Stock gegen das verwitterte Holz. »Holla, aufmachen«, rief er.
»Jaja, hör schon auf, solchen Lärm zu machen. Ich komme ja schon«, antwortete nach einiger Zeit eine Stimme von drinnen, bei deren Klang ein Lächeln über Trurres sorgenvolles Gesicht ging.
»Beweg dein Holzbein, alter Maulwurf«, rief er. »Ich friere mir hier draußen den Hintern ab.«
»Die Stimme kenn ich doch«, erscholl die Antwort von drinnen. »Wenn du glaubst, ich öffne für eine Wanderratte wie dich das Tor, hast du dich geirrt.«
»Ich prügele dir dein bisschen Hirn aus den Ohren, wenn du nicht flott öffnest«, brüllte Trurre vergnügt.
»Du und wer noch?«, fragte der andere, während die kleine Einlasspforte im großen Tor knarrend aufschwang. Der Zwerg, der in der Pforte stand, war breit gebaut und wohl einen halben Kopf größer als Trurre. Er hatte zottiges dunkelrotes Haar, einen geknoteten Bart, der
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