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Endymion - Pforten der Zeit & Die Auferstehung

Titel: Endymion - Pforten der Zeit & Die Auferstehung Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Dan Simmons
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Jahr.
    Der Gedanke amüsierte mich zuerst, aber dann wurde mir klar, wie sehr der Chitchatuk einen solchen Vorrat an brennbarem Material hätten brauchen können – Wärme und Licht, um die Phantome zu vertreiben.
    Danach sah ich das zerlegte Floß in einem anderen Licht. Nun, wenn es uns nicht gelang, durch das zweite Portal zu fahren...
    Aenea fungierte inzwischen als unsere Dolmetscherin, als wir Cuchiat begreiflich machten, dass wir ihnen die Axt, den Herd und ein paar andere Kleinigkeiten gerne überlassen würden. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass die Gesichter hinter den Phantomzähnen fassungslos aussahen.
    Die Chitchatuk drängten sich um uns, umarmten uns und klopften uns so kräftig auf den Rücken, dass uns die Luft wegblieb. Selbst der grimmige Aichacut tätschelte und schubste uns mit so etwas wie derber Zuneigung.
    Jedes Mitglied der Gruppe schnallte sich drei oder vier der Stammsegmente auf den Rücken; A. Bettik, Aenea und ich ebenfalls – in diesem Gravitationsfeld waren sie schwer wie Beton –, dann begannen wir den langen Marsch bergauf zur Oberfläche, Vakuum, Stürmen und Phantomen.

47

    Rhadamanth Nemes braucht weniger als eine Minute, bis sie die Sondierung von Pater Glaucus’ Gehirn mit ihrer Neuralverbindung abgeschlossen hat. In einer Mischung aus visuellen Bildern, Sprache und rohen chemischen Synapsendaten bekommt Nemes ein Bild von Aeneas Besuch in der eingefrorenen Stadt, wie sie es vollständiger ohne komplette neurologische Sezierung nicht bekommen kann. Sie zieht die Mikrofaser ein und gönnt sich ein paar Sekunden Zeit, um über die Daten nachzudenken.
    Aenea, ihr menschlicher Begleiter Raul und der Androide sind vor dreieinhalb Standardtagen aufgebrochen, aber mindestens einen dieser Tage werden sie dafür gebraucht haben, ihr Floß zu zerlegen. Der zweite Farcaster liegt fast dreißig Klicks nördlich, und die Chitchatuk werden sie über die Oberfläche führen, eine gefahrvolle und langsame Reise. Nemes weiß, die Chancen stehen gut, dass Aenea die Reise an der Oberfläche nicht überlebt hat – Nemes hat im Kopf des alten Priesters gesehen, mit welch primitiven Mitteln das Unteilbare Volk versucht, den Bedingungen an der Oberfläche zu trotzen.
    Rhadamanth Nemes lächelt verkniffen. Sie hat nicht vor, so etwas dem Zufall zu überlassen. Pater Glaucus stöhnt leise.
    Nemes verweilt mit dem Knie auf der Brust des alten Priesters. Die Neuralsondierung hat kaum Schaden angerichtet; ein modernes Medpack könnte die Wunde heilen, die die Faser zwischen dem Auge und dem Gehirn des alten Mannes hinterlassen hat. Und er war schon blind, als sie eingetroffen ist.
    Nemes überdenkt die Situation. Dass sie auf dieser Welt einem Priester des Pax begegnen würde, war nicht Teil der Gleichung gewesen. Als sich Pater Glaucus regt und die knochigen Hände zum Gesicht hebt, wägt Nemes die Möglichkeiten ab: Wenn sie den alten Priester am Leben lässt, bedeutet das kaum ein Risiko – ein vergessener Missionar in der Verbannung, der ohnehin an diesem Ort sterben wird. Andererseits, weiß Nemes, bedeutet es gar kein Risiko, wenn sie ihn nicht am Leben lässt. Es ist eine einfache Gleichung.
    »Wer... sind Sie?«, stöhnt der alte Priester, als Nemes ihn hochhebt und von der Küche durch das Esszimmer trägt, vom Esszimmer durch die Bibliothek mit ihren Büchern und dem warmen Schrotfeuer, von der Bibliothek auf den Flur und zum zentralen Schacht des Gebäudes. Selbst hier brennen Laternen, um die Phantome zu verscheuchen.
    »Wer sind Sie?«, wiederholt der blinde Priester und windet sich in ihrem Griff wie ein zweijähriges Kind in den Händen eines kräftigen Erwachsenen. »Warum tun Sie das?«, fragt der alte Mann, als Nemes den Fahrstuhlschacht erreicht, die Plasteeltür auftritt und den Priester einen letzten Augenblick festhält.
    Ein kalter Luftzug weht von der Oberfläche zu den zweihundert Meter weiter unten gelegenen Gletschertiefen. Es hört sich an, als würde der gefrorene Planet schreien. In der letzten Sekunde begreift Pater Glaucus genau, was hier vor sich geht. »Ah, gütiger Herr Jesus«, flüstert er mit bebenden, rissigen Lippen. »Ah, St. Teilhard... barmherziger Gott...«
    Nemes lässt den alten Mann in den Schacht fallen und dreht sich um; sie ist nicht sehr überrascht, dass kein Schrei hinter ihr ertönt. Sie geht die gefrorene Treppe zur Oberfläche hinauf, vier oder fünf Stufen auf einmal in dem hohen Gravitationsfeld. Oben muss sie sich einen Weg den eisigen

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