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Endymion - Pforten der Zeit & Die Auferstehung

Titel: Endymion - Pforten der Zeit & Die Auferstehung Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Dan Simmons
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Lücke etwa zehn Klicks nordöstlich. Bleiben wir so weit draußen wie möglich und nähern uns von Osten. Ich glaube nicht, dass sie uns vom Tempel aus sehen können, und ich sehe in dieser Richtung keine anderen Gebäude entlang der Klippe.«
    Ohne weiteren Kommentar flog das Schiff eine Kurve und an der steilen Felswand entlang, bis wir zu der Spalte kamen, einer vertikalen Kluft, die von der Schnee- und Eisdecke oben mehrere tausend Meter abfiel, sich verjüngte und etwa vierhundert Meter über der Höhe des Tempels, der nun hinter der Krümmung der Felswand verborgen lag, konvergierte.
    Das Schiff schwebte vertikal, bis wir nur noch fünfzig Meter über dem Grund der Spalte waren. Zu meiner Überraschung sah ich Bäche die steilen Felswände der Kluft hinabfließen, die ins Zentrum der Klamm prasselten und sich als Wasserfall in die dünne Luft ergossen. Überall auf dem Grund wuchsen Bäume und Moos und Flechten und Blumen, ganze Felder erstreckten sich viele hundert Meter vom Bachbett aufwärts, bis sie in Richtung der Eisgrenze zu bloßen Streifen vielfarbiger Flechten wurden.
    Zuerst war ich sicher, dass sich hier keine Spuren menschlicher Besiedlung fanden, doch dann sah ich die gemeißelten Simse an der Nordwand, kaum breit genug, um darauf zu stehen, fand ich, dann die Pfade durch das hellgrüne Moos, die kunstvoll angeordneten Steine von Übergängen in dem Bachbett, und schließlich fiel mir das winzige, verwitterte Gebäude auf – zu klein für eine Blockhütte, mehr wie ein Pavillon mit Fenstern –, das unter vom Wind verbogenen immergrünen Stauden am Bachbett in der Nähe des höchsten Punktes am grünen Pass der Spalte stand.
    Ich zeigte dorthin, und das Schiff bewegte sich in die angegebene Richtung und blieb neben dem Pavillon in der Luft stehen. Mir wurde klar, warum es schwierig, wenn nicht unmöglich sein würde, dort zu landen. Das Schiff des Konsuls war nicht so groß – es war jahrhundertelang in dem aus Stein gemauerten Turm des alten Dichters in der Stadt Endymion versteckt gewesen –, aber selbst wenn es vertikal auf seinen Heckflossen oder ausfahrbaren Beinen gelandet wäre, wären einige Bäume, Gras, Moos und Blumen zerquetscht worden. Und in dieser Welt aus lotrechtem Stein schienen sie zu selten zu sein, um einfach so zerstört zu werden.
    Und so schwebten wir. Und warteten. Und etwa dreißig Minuten nach unserer Ankunft kam eine junge Frau aus der Richtung der Felsgesimse den Pfad entlang und winkte uns herzlich zu.
    Es war nicht Aenea.
    Ich gebe zu, ich war enttäuscht. Mein Verlangen, meine junge Freundin wieder zu sehen, hatte das Ausmaß einer Besessenheit angenommen, und ich schätze, ich hatte absurde Fantasievorstellungen von unserem Wiedersehen – Aenea und ich, die durch eine Blumenwiese aufeinander zurannten, sie wieder das elfjährige Kind, ich ihr Beschützer, wir beide vor Wiedersehensfreude lachend, während ich sie in die Höhe hob und herumschwang und hochwarf...
    Nun, eine Wiese hatten wir. Das Schiff blieb in der Schwebe und morphte eine Treppe zu dem blumenübersäten Rasen um den Pavillon herum. Die junge Frau überquerte den Bach, hüpfte perfekt im Gleichgewicht von einem Stein zum nächsten und kam mir auf der Graskuppe lächelnd entgegen.
    Sie war Anfang zwanzig. Sie besaß die körperliche Anmut und Präsenz, die mir von tausend Bildern meiner jungen Freundin gegenwärtig waren.
    Aber ich hatte diese Frau noch nie in meinem Leben gesehen.
    Konnte Aenea sich in fünf Jahren derart verändert haben? Konnte sie sich verkleidet haben, um sich vor dem Pax zu verstecken? Hatte ich einfach vergessen, wie sie aussah? Das Letztere schien unwahrscheinlich.
    Nein, unmöglich. Das Schiff hatte mir versichert, dass für Aenea fünf Jahre und ein paar Monate vergangen waren, wenn sie auf dieser Welt auf mich gewartet hatte, aber meine gesamte Reise – einschließlich des Teils mit der kryogenischen Fuge – hatte nur rund vier Monate gedauert. Ich war nur fünf Wochen gealtert. Ich hätte sie nicht vergessen können. Ich würde sie nie vergessen.
    »Hallo, Raul«, sagte die junge Frau mit dem dunklen Haar.
    »Hallo?«, sagte ich.
    Sie kam näher und streckte die Hand aus. Sie hatte einen festen Händedruck. »Ich bin Rachel. Aenea hat dich genau beschrieben.« Sie lachte.
    »Natürlich haben wir niemand anderen erwartet, der mit einem Raumschiff vorbeischaut, das so aussieht...« Sie winkte mit einer Hand in die ungefähre Richtung des Schiffs, das wie ein

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