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Endymion - Pforten der Zeit & Die Auferstehung

Titel: Endymion - Pforten der Zeit & Die Auferstehung Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Dan Simmons
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sich stroboskopartig in dem polierten Boden und blenden das Orakel mit ihren Netzhautechos aus. Als der Donner einige lange Sekunden später folgt, kann man ihn kaum vom Grollen der nach wie vor ertönenden Hörner in der Eingangshalle unterscheiden.
    Das Shrike kommt fünf Schritte vor Aenea und mir zum Stillstand, fünf Schritte von dem Nemes-Ding, zehn Schritte von Nemes’ Geschwistern, die wie erstarrt stehen geblieben sind, und acht Schritte von dem Kardinal entfernt. Mir fällt auf, dass das Shrike mit den baumelnden Fetzen des roten Vorhangs aussieht wie eine verchromte, mit Klingen bestückte Karikatur von Kardinal Mustafa in seinem roten Gewand. Die Nemes-Klone in ihren schwarzen Uniformen gleichen Schatten von Stiletten an den Wänden.
    Irgendwo in einer schattigen Ecke des großen Empfangssaals schlägt eine hohe Uhr langsam die Stunde... eins... zwei... drei... vier. Das ist natürlich die Zahl der nichtmenschlichen Killermaschinen, die vor und hinter uns stehen. Es ist mehr als vier Jahre her, seit ich das Shrike gesehen habe, aber seine Präsenz ist nicht weniger grauenhaft und trotz seines Eingreifens hier nicht willkommener. Die roten Augen glühen wie Laser unter einer dünnen Wasserschicht. Die Kiefer aus Chromstahl sind aufgeklappt und zeigen eine Reihe rasiermesserscharfer Zähne nach der anderen. Die Klingen, Dornen und Schnittkanten des Dings ragen an Dutzenden Stellen aus den Falten des roten Vorhangs heraus. Es blinzelt nicht. Es scheint nicht zu atmen. Nun, da seine Gleitbewegung zum Stillstand gekommen ist, wirkt es so reglos wie eine Statue aus einem Albtraum.
    Rhadamanth Nemes lächelt es an.
    Ich halte die alberne Lasertaschenlampe immer noch in der Hand und erinnere mich an den Zweikampf vor Jahren auf God’s Grove. Das Nemes-Ding war silbern und verschwommen geworden, einfach verschwunden und ohne Vorwarnung unmittelbar neben der zwölfjährigen Aenea wieder aufgetaucht. Es hatte vorgehabt, meiner Freundin den Kopf abzuschlagen und in einem Beutel mitzunehmen, und das wäre ihm gelungen, wenn das Shrike nicht in dem Moment eingegriffen hätte. Das Nemes-Ding könnte es jetzt wieder tun, und ich könnte nie und nimmer rechtzeitig eingreifen.
    Diese Kreaturen bewegen sich außerhalb der Zeit. Ich kenne die Qual von Eltern, die mit ansehen müssen, wie ihr Kind vor ein rasendes Bodenauto läuft, und nicht rechtzeitig handeln können, um es zu retten. Zu diesem Grauen gesellt sich der Schmerz eines Liebenden, der außerstande ist, seine Liebste zu beschützen. Ich würde binnen einer Sekunde sterben, um Aenea vor diesen Kreaturen zu beschützen – einschließlich des Shrike – und möglicherweise sterbe ich auch in einer Sekunde, in weniger als einer Sekunde –, aber mein Tod wird ihr nicht helfen. Ich knirsche in hilfloser Wut mit den Zähnen.
    Ich lasse nur die Augen kreisen, weil ich fürchte, ich könnte ein Gemetzel verursachen, wenn ich auch nur eine Hand, den Kopf oder einen Muskel bewege, und sehe, dass das Shrike nicht Aenea anstarrt oder das primäre Nemes-Ding – es hat den Blick unverwandt auf John Domenico Kardinal Mustafa gerichtet. Der Priester mit dem Froschgesicht scheint die Last dieses blutroten Blickes zu spüren, denn über dem Rot seiner Robe ist der Kardinal kalkweiß geworden.
    Nun bewegt sich Aenea. Sie tritt an meine linke Seite, legt die rechte Hand in meine offene linke und drückt meine Finger. Es ist keine kindliche Bitte um Trost; es ist ein Zeichen der Beruhigung für mich.
    »Sie wissen, wie es enden wird«, sagt sie leise zu dem Kardinal und beachtet die Nemes-Kreaturen gar nicht, die sich anspannen wie zum Sprung bereite Katzen.
    Der Großinquisitor leckt sich die Lippen. »Nein, weiß ich nicht. Es sind drei...«
    »Sie wissen, wie es enden wird«, unterbricht ihn Aenea immer noch mit leiser Stimme. »Sie waren auf dem Mars.«
    Mars?, denke ich. Was, zum Teufel, hat der Mars damit zu tun? Wieder dringt flackerndes Leuchten durch das Oberlicht und wirft zuckende Schatten. Die Gesichter Hunderter vor Entsetzen starrer Partygäste um uns herum sind wie auf schwarzen Samt gemalte weiße Ovale. Als eine blitzartige Einsicht, so plötzlich und erhellend wie die Blitze, wird mir klar, dass die metaphysische Biosphäre dieser Welt – ungeachtet der Tatsache, dass sie aus dem Zen hervorging – von Dämonen und bösen Geistern bevölkert wird, die den tibetanischen Mythen entstammen: krebsartige Erdgeister, die Nyen; Sadag, die »Herren des Bodens«, die

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