Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen

Endymion - Pforten der Zeit & Die Auferstehung

Titel: Endymion - Pforten der Zeit & Die Auferstehung Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Dan Simmons
Vom Netzwerk:
Ich muss gestehen, dass ich weder in logischer Apologetik noch in Metaphysik ausgebildet bin.
    Aber als Fürst der Kirche Gottes weiß ich aus dem Katechismus und aus tiefster Seele, dass Gott des Neides nicht fähig ist... schon gar nicht des Neides auf seine unvollkommenen Schöpfungen.«
    »Unvollkommen?«, fragte der Junge.
    Kardinal Mustafa lächelte herablassend; sein Tonfall war der eines ausgebildeten Priesters, der mit einem Kind spricht. »Die Menschheit ist unvollkommen, weil sie die Fähigkeit zur Sünde hat«, sagte er leise. »Unser Herr könnte nicht neidisch darauf sein, sündigen zu können.«
    Der Dalai Lama nickte bedächtig. »Einer unserer Zen-Meister, ein Mann namens Ikkyu, schrieb einmal ein Gedicht zu diesem Thema:

    ›Alle in den Drei Welten
    Begangenen Sünden
    Verblassen und verschwinden
    Zusammen mit mir.‹«

    Kardinal Mustafa wartete einen Moment, aber als das Gedicht nicht weiterging, sagte er: »Von welchen drei Welten hat er gesprochen, Euer Heiligkeit?«
    »Das war vor dem Raumflug«, sagte der Junge und rutschte ein wenig auf seinem gepolsterten Thron herum. »Die drei Welten sind die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.«
    »Sehr hübsch«, sagte der Kardinal des Heiligen Offiziums. Sein Adlatus, Pater Farrell, stand hinter ihm und betrachtete den Jungen mit kaltem Missfallen. »Aber wir Christen glauben nicht, dass die Sünde – oder die Folgen der Sünde – oder die Verantwortung für Sünden, was das betrifft – mit dem Leben beendet ist, Euer Heiligkeit.«
    »Exakt.« Der Junge lächelte. »Aus eben diesem Grund bin ich neugierig, warum Sie das Leben mittels Ihrer Kruziform-Kreatur künstlich verlängern«, sagte er. »Wir glauben, dass die Schiefertafel mit dem Tod ge-löscht wird. Sie glauben, dass er das Gericht bringt. Warum dieses Gericht hinausschieben?«
    »Wir betrachten die Kruziform als ein Sakrament, das uns unser Herr Jesus Christus gegeben hat«, sagte Kardinal Mustafa leise. »Das Gericht wurde zuerst durch den Tod unseres Erlösers am Kreuz hinausgeschoben, wobei Gott selbst die Strafe für unsere Sünden auf sich nahm und uns die Möglichkeit des ewigen Lebens im Himmel eröffnete, sollten wir uns dafür entscheiden. Die Kruziform ist eine weitere Gabe unseres Erlösers, die uns möglicherweise Zeit gibt, unsere Häuser in Ordnung zu bringen, bevor dieses Jüngste Gericht kommt.«
    »Ahh, ja«, seufzte der Junge. »Aber vielleicht meinte Ikkyu, dass es keine Sünder gibt. Dass es keine Sünde gibt. Dass ›unsere‹ Leben uns gar nicht gehören...«
    »Exakt, Euer Heiligkeit«, unterbrach ihn Kardinal Mustafa. Ich sah, wie der Regent, der Zeremonienmeister und andere um den Thron herum bei dieser Unterbrechung die Gesichter verzogen. »Unsere Leben gehören nicht uns, sondern unserem Herrn und Erlöser... und um Ihm zu dienen, der Heiligen Mutter Kirche.«
    »... uns gar nicht gehören, sondern dem Universum«, fuhr der Junge fort. »Und dass unsere Taten – die guten wie die bösen – ebenfalls Eigentum des Universums sind.«
    Kardinal Mustafa runzelte die Stirn. »Eine hübsche Formulierung, Euer Heiligkeit, aber vielleicht zu abstrakt. Ohne Gott kann das Universum nur eine Maschine sein... nicht denkend, nicht fühlend, gleichgültig.«
    »Warum?«, fragte der Junge.
    »Pardon, Euer Heiligkeit?«
    »Warum muss das Universum nicht denkend, nicht fühlend, gleichgültig sein ohne Ihre Definition eines Gottes?«, fragte der Junge leise. Er schloss die Augen.

    »Der Morgentau
    Flieht dahin
    Und ist nicht mehr;
    Wer mag bleiben
    In dieser unserer Welt?«

    Kardinal Mustafa bildete einen Giebel mit den Fingern und berührte die Lippen wie im Gebet oder in gelinder Frustration. »Sehr hübsch, Euer Heiligkeit. Wieder Ikkyu?«
    Der Dalai Lama grinste breit. »Nein. Von mir. Ich schreibe ein wenig Zen-Poesie, wenn ich nicht schlafen kann.«
    Die Priester kicherten. Die Nemes-Kreatur starrte Aenea an.
    Kardinal Mustafa wandte sich meiner Freundin zu. »M. Ananda«, sagte er, »haben Sie eine Meinung zu diesen gewichtigen Fragen?«
    Einen Moment wusste ich nicht, wen er angesprochen hatte, aber dann erinnerte ich mich, wie der Dalai Lama Aenea als Ananda vorgestellt hatte, die erste Schülerin des Buddha.
    »Ich kenne einen anderen kleinen Vers von Ikkyu, der meine Meinung zum Ausdruck bringt«, sagte sie.

    »Vergeblicher und illusorischer
    Als in Wasser geschriebene Zahlen
    Ist es, wollen wir von dem Buddha
    Seligkeit in der nächsten Welt.«

    Erzbischof

Weitere Kostenlose Bücher