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Endymion - Pforten der Zeit & Die Auferstehung

Titel: Endymion - Pforten der Zeit & Die Auferstehung Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Dan Simmons
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Feierstimmung.
    Die Privataudienzen sind vor vielen Stunden zu Ende gegangen, und es hat sich herumgesprochen, dass der Dalai Lama vor Mitternacht zu Bett gegangen ist, aber wir letzten Gäste feiern weiter – Lhomo Dondrub, unser Freund von den Fliegern, lacht und schenkt jedem Champagner und Reisbier ein; Labsang Samten, der kleine Bruder des Dalai Lama, springt irgendwann einmal über Kohlebecken voller Glut; der ernste Tromo Trochi von Dhomu verwandelt sich in einer Ecke plötzlich in einen Magier und führt Tricks mit Feuer und Reifen und Levitation vor; und dann singt die Dorje Phamo a capella ein langsames Lied mit einer so klaren und lieblichen Stimme, dass sie mich bis auf den heutigen Tag in meinen Träumen verfolgt; und zuletzt stimmen die Dutzende Verbliebenen in den Orakel-Song mit ein, während das Orchester sich anschickt, die Feier zu beenden, bevor die Morgendämmerung den nächtlichen Himmel entfärbt.
    Plötzlich verstummt die Musik mitten im Akkord. Die Tänzer bleiben stehen. Aenea und ich kommen schlurfend zum Stillstand und sehen uns um.
    Die Gäste vom Pax hat seit Stunden niemand mehr gesehen, aber plötzlich kommt eine von ihnen – Rhadamanth Nemes – aus dem Schatten des Alkovens des Dalai Lama hinter den Vorhängen hervor. Sie hat die Uniform gewechselt und ist nun ganz in Rot gekleidet. Zwei andere sind bei ihr, und einen Moment denke ich, es sind die Priester, aber dann sehe ich, dass die beiden schwarz gekleideten Gestalten fast Kopien des Nemes-Dings sind: eine andere Frau und ein Mann, beide in schwarzen Kampfanzügen, beide mit schwarzen Ponysträhnen, die ihnen in die Stirn hängen, beide mit Augen wie erloschene Glut.
    Das Trio geht durch die erstarrten Tänzer auf Aenea und mich zu. Instinktiv stelle ich mich zwischen meine Freundin und die Kreaturen, aber der Nemes-Mann und seine andere Schwester gehen zur Seite, nehmen uns in die Zange. Ich ziehe Aenea dicht hinter mich, aber sie tritt an meine Seite.
    Die erstarrten Tänzer geben keinen Laut von sich. Das Orchester bleibt stumm. Selbst das Mondlicht scheint zu soliden Schächten in der staubigen Luft erstarrt zu sein.
    Ich nehme die Lasertaschenlampe heraus und halte sie an der Seite. Das ursprüngliche Nemes-Ding entblößt kleine Zähne. Kardinal Mustafa tritt aus den Schatten und stellt sich hinter sie. Alle vier Geschöpfe des Pax sehen Aenea an. Einen Augenblick denke ich, dass das Universum stehen geblieben ist, dass die Tänzer buchstäblich in Raum und Zeit erstarrt sind, dass die Musik über uns hängt wie eisige Stalaktiten, die kurz davor sind, herunterzufallen und zu zerbrechen, aber dann höre ich das Murmeln der Menge – furchtsames Flüstern, nervöses Tuscheln.
    Eine sichtbare Bedrohung existiert nicht – nur vier Gäste aus dem Pax, die durch den Ballsaal schreiten, während Aenea den Mittelpunkt ihres Kreises bildet –, aber der Eindruck von Raubtieren, die ihre Beute um-zingeln, ist so ausgeprägt, dass man es nicht ignorieren kann, genau wie der Geruch von Angst unter Parfüm und Puder und Rasierwasser.
    »Warum warten?«, sagt Rhadamanth Nemes, die Aenea ansieht, aber zu jemand anderem spricht.
    »Ich denke...«, sagt Kardinal Mustafa und erstarrt.
    Alle erstarren. Die großen Hörner beim Eingang haben das Bassgrollen einer Kontinentalverschiebung ertönen lassen. Niemand ist in den Alkoven, der sie spielen könnte. Die Trompeten aus Knochen und Messing untermalen das endlose, monotone Grollen der Hörner. Der große Gong hallt markerschütternd.
    Auf der Tanzfläche, in Richtung der Rolltreppen, im Vorzimmer und hinter dem Vorhang des Torbogens sind ein Rascheln und unterdrückte Aufschreie zu hören. Der Rest der Menge weicht weiter auseinander wie aufgeworfene Erde vor einer Pflugschar.
    Etwas bewegt sich hinter den geschlossenen Vorhängen des Nebenzimmers. Nun ist etwas durch die Vorhänge gekommen, hat sie nicht so sehr geteilt als durchtrennt. Nun funkelt etwas im Licht des Orakels und gleitet über den Parkettboden, gleitet, als würde es Zentimeter über dem Boden schweben, und funkelt im Licht des untergehenden Mondes. Fetzen des roten Vorhangs hängen an einer unmöglich hoch gewachsenen Gestalt – mindestens drei Meter –, und zu viele Arme ragen aus den Falten des scharlachroten Gewands. Es sieht aus, als würden die Hände Klingen aus Stahl halten. Die Tänzer entfernen sich hastiger, ein allgemeines, lautes Einatmen ist zu hören. Blitze überstrahlen das Mondlicht lautlos, spiegeln

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