Endymion - Pforten der Zeit & Die Auferstehung
Breque räusperte sich und mischte sich in das Gespräch ein.
»Das scheint mir eindeutig zu sein, junge Dame. Sie glauben nicht, dass Gott unsere Gebete erhören wird.«
Aenea schüttelte den Kopf. »Ich glaube, er meinte zweierlei, Euer Eminenz. Erstens, dass Buddha uns nicht helfen wird. Es steht sozusagen nicht in seinem Tätigkeitsprofil. Zweitens, dass es närrisch ist, Pläne für das Jenseits zu schmieden, weil wir von Natur aus zeitlos, ewig, ungeboren, unsterblich und allmächtig sind.«
Gesicht und Hals des Erzbischofs über dem Kragen wurden rot. »Diese Adjektive können nur auf Gott zutreffen, M. Ananda.« Er spürte Kardinal Mustafas finsteren Blick auf sich und gedachte seiner Rolle als Diplomat.
»Glauben wir jedenfalls«, fügte er ohne Überzeugung hinzu.
»Für einen jungen Menschen und eine Architektin scheinen Sie viel über Zen und Dichtung zu wissen, M. Ananda.« Kardinal Mustafa kicherte und versuchte offensichtlich, die Stimmung aufzuheitern. »Gibt es noch ein Gedicht von Ikkyu, das Sie für relevant halten?«
Aenea nickte.
»Wir kommen allein in diese Welt,
Wir gehen allein,
Auch das ist eine Illusion.
Ich werde euch lehren, wie man
Nicht kommt, nicht geht!«
»Das wäre ein guter Trick«, sagte Kardinal Mustafa mit falscher Jovialität.
Der Dalai Lama beugte sich nach vorn. »Ikkyu hat uns gelehrt, dass es möglich ist, zumindest einen Teil unseres Lebens in einer Welt ohne Zeit und Raum zu leben, wo es keine Geburt und keinen Tod, kein Kommen und kein Gehen gibt«, sagte er leise. »Ein Ort, wo es keine Trennung in der Zeit, keine Entfernung im Raum, keine Barriere gibt, die uns von denen trennt, die wir lieben, keine gläserne Trennwand zwischen unserer Erfahrung und unserem Herzen.«
Kardinal Mustafa sah ihn sprachlos an.
»Meine Freundin... M. Ananda... hat mich das auch gelehrt«, sagte der Junge.
Einen Augenblick wirkte das Gesicht des Kardinals wie eine verzerrte, höhnische Maske. Er wandte sich an Aenea. »Ich würde mich freuen, wenn die junge Dame mir... uns allen... diesen cleveren Zaubertrick beibringen könnte«, sagte er schneidend.
»Das hoffe ich«, sagte Aenea.
Rhadamanth Nemes kam einen halben Schritt auf meine Freundin zu. Ich steckte die Hand in mein Cape und berührte leicht den Auslöserknopf der Lasertaschenlampe.
Der Regent schlug mit einem stoffumwickelten Stock auf einen Gong.
Der Zeremonienmeister sputete sich, uns hinauszugeleiten. Aenea verbeugte sich vor dem Dalai Lama, und ich folgte ungeschickt ihrem Beispiel.
Die Audienz war beendet.
Ich tanze mit Aenea in dem großen, hallenden Empfangssaal zur Musik eines zweiundsiebzigköpfigen Orchesters, und die Herren und Damen, Priester und Honoratioren von T’ien Shan, den Bergen des Himmels, sehen vom Rand der Tanzfläche aus zu oder wirbeln im Einklang mit der Musik um uns herum. Ich erinnere mich, wie ich mit Aenea tanzte, vor Mitternacht noch einmal an den langen Tischen aß, die unablässig neu mit Speisen bestückt wurden, und wieder tanzte. Ich erinnere mich, wie fest ich sie an mich drückte, wenn wir uns auf der Tanzfläche bewegten. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich vorher schon einmal getanzt hätte –
zumindest, wenn ich nüchtern war –, aber in dieser Nacht tanze ich und drücke Aenea fest an mich, während die prasselnden Feuer in den Kohlebecken niederbrennen und das Orakel durch das Oberlicht Schatten auf den Parkettboden wirft.
Es sind die frühen Morgenstunden, und die älteren Gäste haben sich zurückgezogen, alle Mönche und Bürgermeister und Staatsmänner – abgesehen von der Donnerkeil-Sau, die mit dem Orchester bei jeder Quadrille gelacht und gesungen und geklatscht und mit den Pantoffeln an ihren Füßen auf dem polierten Boden gesteppt hat –, und es sind nur noch vier-oder fünfhundert entschlossene Gäste in dem großen, dunklen Saal anwesend, während das Orchester immer langsamere Stücke spielt, als wäre seine musikalische Sprungfeder abgelaufen.
Ich gestehe, wäre Aenea nicht gewesen, wäre ich schon vor Stunden zu Bett gegangen: Sie will tanzen. Also tanzen wir, langsam, ihre kleine Hand in meiner großen, meine andere Hand flach auf ihrem Rücken – durch die dünne Seide ihres Kleides spüre ich das Rückgrat und die kräftigen Muskeln –, ihr Haar an meiner Wange, ihre Brüste sanft an mich gedrückt, die Rundung ihres Schädels an meinem Hals und Kinn.
Sie wirkt ein wenig traurig, aber immer noch voller Energie, immer noch in
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