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Error

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Titel: Error Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: N Stephenson
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Rucksäcke geschultert, waren losmarschiert und hatten sie allein gelassen.
    Die Anhängerkupplung war zum Mittelpunkt ihres persönlichen Universums geworden. Oberhalb davon befand sich die geöffnete Heckklappe, die einen gewissen Schutz vor dem Wetter bot. Der Boden unter ihr war ein Bett aus stumpfen Nägeln, den Stümpfen abgeschnittenen Gezweigs. Sie verbrachte einige Zeit damit, gegen die Strünke zu treten, sie auf Bodenhöhe abzuknicken und in den Boden zu stampfen. Sobald das Ganze halbwegs eben war, breitete sie die Plastikplane auf dem Boden aus, legte den Schlafsack darauf und schlüpfte hinein. Zwar lag die Temperatur deutlich über dem Gefrierpunkt, aber die feuchte Kälte würde sie binnen Stunden umbringen, wenn sie nicht in Bewegung blieb und sich irgendwie betätigte.
    Sie scheinen ja einen ziemlichen Eindruck auf Mr. Sokolow gemacht zu haben, hatte Jones am ersten Abend im Bergarbeitercamp ganz nebenbei zu ihr gesagt. Mir war gar nicht klar, warum, bis Sie Khalid erledigt haben. Sie hatte mit dieser Aussage überhaupt nichts anfangen können und sie bis jetzt aus ihrem Gedächtnis verbannt.
    Woher konnte Jones wissen, was Sokolow von ihr hielt? Jones und Zula hatten Stunden damit verbracht, die Ereignisse in dem Mietshaus durchzugehen. Größtenteils war es so gewesen, dass er ihr die Würmer aus der Nase gezogen hatte. Aber anhand der Art seiner Fragen hatte sie ein ziemlich schlüssiges Bild davon gewonnen, wie die Schlacht verlaufen war. Dass Sokolow und Jones ein Gespräch miteinander geführt hatten, war ausgeschlossen. Und falls doch, hätten sie nicht über Zula geplaudert; selbst für den ganz und gar unwahrscheinlichen Fall, dass Sokolow mitten in einem chaotischen Rückzugsgefecht über sie hätte reden wollen, hatte Jones zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts von ihrer Existenz gewusst.
    Jetzt endlich verstand sie es. Die Lösung des Rätsels war ihr eingefallen, während ihr Bewusstsein über anderes nachgedacht hatte. Vielleicht hatte die Art, wie Jones mit halbem Ohr auf die Geräusche aus dem CB -Funkgerät im Pickup gelauscht hatte, einen Hinweis geliefert. Einen ähnlichen Gesichtsausdruck hatte sie schon einmal bei ihm gesehen, und zwar im Flugzeug, beim FBO -Service in Xiamen. Er hatte einen Anruf bekommen und sein Handy aufgeklappt. Sein Gesicht hatte vor Freude aufgeleuchtet, die dann schlagartig in Verstörung übergegangen war und sich schließlich zu einer Art intensiver, mörderischer Fasziniertheit verfestigt hatte.
    Am anderen Ende musste Sokolow gewesen sein. Sokolow hatte die Männer, die Jones losgeschickt hatte, damit sie ihn ermordeten, getötet oder zumindest außer Gefecht gesetzt, war in den Besitz eines ihrer Handys gelangt und hatte die Wiederwahltaste gedrückt. Und er hatte Zula erwähnt. So musste es gewesen sein; es war das einzige Mal, dass Sokolow jemals mit Jones hatte kommunizieren können.
    Warum sollte Sokolow Zula in diesem Gespräch erwähnen?
    (Es brauchte eine Weile, sich das alles zusammenzureimen. Aber Zula hatte eine Weile.)
    Eigentlich waren das zwei Fragen: Erstens, woher hatte Sokolow wissen können, dass Zula und Jones zusammen waren? Und zweitens, wieso sollte er sich – immer vorausgesetzt, er wusste es – die Mühe machen, sie während dieses kurzen Telefonats gegenüber Jones zu erwähnen?
    Die Antwort auf die erste Frage hatte sie bereits im Kopf und musste sie lediglich aus dem Gedächtnis aufrufen. Vor ein paar Tagen auf dem Boot, nach der Szene auf dem Pier. Jones, wie er Zula befragte. Zula, wie sie ihm von dem sicheren Haus erzählte, auf den Wolkenkratzer zeigte und den zweiundvierzigsten Stock nannte. Und sich dabei fragte, ob sie Sokolow damit eine Nachricht zukommen ließ, ihn darüber informierte, dass sie oder ein anderes Mitglied der Gruppe noch am Leben war. Denn wenn Jones’ Leute anfingen, im zweiundvierzigsten Stock herumzuschnüffeln, stellte sich die Frage: Woher hatten sie erfahren, wo sich das sichere Haus befand?
    Was die zweite Frage anging, so hatte Jones sie in gewisser Weise mit seiner Bemerkung beantwortet: Sie scheinen ja einen ziemlichen Eindruck auf Mr. Sokolow gemacht zu haben.
    Was zum Teufel sollte das heißen?
    Vielleicht hatte Sokolow zu Jones gesagt: Ich hoffe, Sie bringen das hinterhältige Luder um! Aber Zula bezweifelte das. Ihre Interaktionen mit Sokolow waren ungefähr so höflich und respektvoll gewesen, wie man in einer Beziehung zwischen Entführer und Geisel nur miteinander umgehen konnte.

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