Erzählungen
die menschlichen Lebens, sondern des Lebens überhaupt, des Lebens in jeder anderen Gestalt als der, welche die stummen grünenden Wesen haben, die dem Boden entsprießen – ein Mißklang in der Landschaft, ein friedestörender Feind des besonderen Geistes, der in ihr wohnt.
E. A. P.
Ich liebe es, die dunklen Täler zu betrachten und die grauen Felsen und die Wasser, die schweigend lächeln, und die Wälder, die in unruhigem Schlummer seufzen und stöhnen, und die wachsamen Berge, die so stolz herniedersehen. Ich liebe es, diese Dinge als das zu betrachten, was sie sind: große Glieder eines ungeheueren, lebendigen und fühlenden Ganzen, das mit den anderen Planeten seinen stillen Weg wandelt und dessen sanfte Dienerin der Mond, dessen Herrscher die Sonne ist; – dessen Leben Ewigkeit, dessen Gedanke der eines Gottes, dessen Genuß Erkenntnis ist; dessen Bestimmung sich in Unendlichkeit verliert; eines Ganzen, das uns Menschen genau so erkennt, wie wir die kleinen und kleinsten Tierchen, die unser Gehirn beunruhigen, und ein Wesen ist, das wir als leblos, als reinen Stoff betrachten, geradeso, wie uns diese Tierchen, die animalculœ, dafür halten werden.
Unsere Teleskope und mathematischen Berechnungen bestätigen uns in jedem einzelnen Punkte, daß der Raum, und folglich auch das Volumen, in den Augen des Allmächtigen eine wichtige Bedeutung hat. Die Kreise, in denen sich die Sterne bewegen, sind der ganzen Evolution so angepaßt, daß die größtmögliche Zahl Körper ohne Kollision in ihnen ihre Bahn beschreiben kann. Die Form dieser Körper enthält auf der gegebenen Oberfläche die größtmögliche Menge Materie, und die Oberfläche selbst ist so beschaffen, daß sie unter diesen Umständen eine größere Zahl Bewohner aufnehmen kann, als wenn sie auf irgendeine Weise anders geartet wäre. Auch kann man aus der Unendlichkeit des Raumes gar kein Argument gegen den Gedanken herleiten, daß der Stoff in den Augen Gottes Bedeutung habe; es kann ja eine Unendlichkeit der Materie geben, um ihn zu füllen. Da wir nun klar erkennen, daß die Belebung dieser Materie, wenigstens so weit wir urteilen, das leitende Prinzip in dem Wirken der Gottheit ist, wäre es unlogisch anzunehmen, daß dieses Prinzip sich auf die Regionen des Kleinen, in denen es sich uns täglich offenbart, beschränke und nicht auch das Erhabene durchdringe.
Wie wir bis ins Unendliche Kreise in Kreisen finden, die sich alle um einen unendlich weit entfernten Mittelpunkt, das Haupt der Gottheit, drehen – können wir so nicht, dem entsprechend, Leben in Leben vermuten, das geringere in dem höheren und das ganze im Geiste Gottes?! Kurz, wir irren, wenn wir in törichter Selbstüberschätzung glauben, daß der Mensch in seiner zeitlichen oder zukünftigen Entwicklungsform eine größere Wichtigkeit im Weltall habe als die Ackerkrume, die er bebaut und der er die Seele aus einem sehr wenig tiefen Grunde abspricht: weil er das Gesetz ihres Seins und dessen lebendige Wirkung nicht sieht.* [ * Pomponius Mela sagt in seiner Abhandlung De Situ Orbis : ›Entweder ist die Welt ein großes Tier, oder etc. …‹ E. A. P.]
Diese und ähnliche Gedanken gaben meinen Betrachtungen in den Bergen und Wäldern, am Ufer der Flüsse und am Strande des Meeres eine Richtung, welche die alltägliche Welt phantastisch nennen würde. Unzählige Male habe ich forschend einsame Gegenden durchwandert; und die still-rege Beschaulichkeit, mit der ich manches dunkle Tal durchstreifte oder mein Auge über manchen weithin schimmernden See schweifen ließ, wurde noch durch den Glauben vertieft, daß ich al ein umherirrte, allein betrachtete. Welcher geschwätzige Franzose sagte doch mit einer Anspielung auf das wohlbekannte Werk Zimmermanns: ›La solitude est une belle chose; mais il faut quelqu’un pour vous dire que la solitude est une belle chose!‹?
Als Epigramm läßt sich nichts gegen diesen Satz einwenden; aber: il faut! Diese Notwendigkeit ist ein Ding, das es nicht gibt.
Auf einer meiner einsamen Wanderungen durch eine ferne, von Bergen umschlossene und von Bergen durchquerte Gegend, an traurig plätschernden Flüssen und düsteren, schlafenden Seen vorüber, kam ich an einen kleinen Bach, der eine Insel umsäumte. Es war im Laubmonat Juni. Ich warf mich auf den Boden, unter die Zweige eines duftenden, unbekannten Gesträuches, um, während ich mir die Landschaft besah, zugleich ein wenig ausruhen zu können.
An allen Seiten, nur nicht im Westen, wo
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