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wessen Gefangenschaft oder Zyankalidusche es sich handeln könnte außer seiner eigenen. Im Opus 110 vollendet sich nichts, bevor es nicht krepiert ist. Jenes Aufblitzen von Schönheit gegen Ende zum Beispiel, versetzt mit dem Duft der Elena Konstantinowskaja, verschafft dem Zuhörer kaum Erleichterung; es erinnert uns viel mehr daran, dass D. D. Schostakowitsch offenen Auges dem Tod entgegengeht. Er weiß, was Glück ist. Er weiß, dass er es nie sein Eigen nennen wird. Daher ist das Waldthema vor allen Dingen grausam. Katerina Ismailowa, die Heldin seiner unseligen »Lady Macbeth«, singt ihrem Geliebten im letzten Akt eben diese Melodie. Die Silben des Liedes ergeben dessen Kosenamen, Serjoscha – oh, wie sie ihn vergöttert! Und all die anderen Sträflinge lauschen, aber … Was ist das für ein Laut? Haben Sie je in die ausdruckslosen Mienen der Menschen geblickt, die Schlange stehen, um ihren Ehepartnern Päckchen ins Gefangenenlager zu schicken? Sie setzen eine Maske auf, weil sie wissen, dass die »Organe« sie beobachten. Vielleicht haben sie sich das aber auch nur angewöhnt, weil unsere Sowjetunion ein kaltes Land ist; man lernt, sich zu verstecken, schon um sich, sozusagen, warmzuhalten, um, um, um, nun ja. In dieser Oper befinden wir uns allerdings in den alten Zeiten russischer Bärenjäger: Aus allen Richtungen dringen Sümpfe und Wälder aus russischem Elend auf die Gefängnismauern vor, hinter denen Katerina schmachtet. In unserer Zeiten wird das Leben, sozusagensein: Die Mauern werden höher wachsen; die 5. Sinfonie wird mit Horden aus perfide sich sträubenden Noten mit Fliegenbeinen und an den Stacheldraht der Notenblätter geknüpften Akkorden enden; Opus 110 wird kreischen wie Patienten in einem brennenden Krankenhaus (zu kreischen, das ist übrigens auch die Aufgabe des Intellektuellen in einer Krise); leider bleibt die »Lady Macbeth« in der vorrevolutionären Epoche stecken; die arme Katerina ist auf dem Weg nach Sibirien! Aber sie ist glücklich , sie singt Serjoschas Namen. Was sagen diese Idioten immer über Soja? Nicht lang, aber wunderschön hat sie gelebt!
65 Ha, und dann haben diese Faschisten sie aufgehängt. Und zwar wunderschön, aber sicher doch!
Manchmal könnte ich kotzen. Und Katerina ist einfach nur eine weitere, Sie wissen schon. Sie werden wollen, dass ich sie in eine Dur-Tonart transponiere: Kein langes, aber ein Leben. Was für ein … Sie hätte sich besser die Mühe gemacht, die eingeübte Leere der Mienen ihrer Mitgefangenen zu bedenken, denn dann wäre sie vielleicht auf den Hohn gestoßen, der so dicht unter dem Zucken ihrer grauen Lippen begraben lag – lebendig begraben! Nun, mit dem Verlauf des Opus 110 verhält es sich genauso. Andererseits, warum soll man es Katerina nicht erlauben, ihr kleines, ihr, ihr, Sie wissen schon …? Sie singt Serjoscha, jede Wiederholung des geliebten Namens steigt aus ihrer Kehle ganz bis in den Himmel der Zärtlichkeit jenseits der Gefängnismauern auf! All das vollzieht sich in einer bloßen Handvoll von Takten. Wir durften nicht zu viel Fröhlichkeit zulassen. Serjoscha hat Katerina satt. Er hat sich eine neue Gefängnisschlampe namens Sonjetka gesucht. Mit einer Grausamkeit, von der mir beinahe körperlich übel wurde, als ich die Oper in Leningrad sah, stolziert Serjoscha mit ihr rechts auf der Bühne herum und macht sich über Katerina lustig, ihr mitten ins Gesicht. Deshalb beschmutzt sein Name das Waldthema, als Katerina es singt, und seine Verachtung für sie beschmutzt es, die auf dieser Bühne für uns sichtbar wird, nicht aber für den Genossen Stalin, der sich schon zwei Akte davor zurückgezogen hat, und nicht für Katerina, weil Liebe wahrlich blind macht, und die Morde, die sie aus grenzenloser Liebe für ihn begangen hat, beschmutzt er; und eben diese grenzenlose Liebe, die ihr bis jetzt Kraft und Leidensfähigkeit gegeben und sie bis zu einem gewissen Maß glücklich gemacht hat, gerät nun wunderschön ins Wanken und Flattern, nur weil ein gewisser unsagbar grausamer Gott, ein Schicksal oder eine Dialektik, bei denen es sich ganz und gar nicht um D. D. Schostakowitsch handelt, sondern um den unbekannten Lehnsherren der besagten Bühne, auf der wir von unseren Hoffnungen singen, sie für diesen einen Augenblick hinauf ins Licht der Sonne erheben will, nur damit der Schock und die Tiefe ihres Sturzes in die äußerste Dunkelheit größer wirken, nach exakt dem gleichen Prinzip, nach dem es, als der Genosse
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