Farlander - Der Pfad des Kriegers - Buchanan, C: Farlander - Der Pfad des Kriegers - Farlander
schaukelte hin und her
wie der alte Farlander, und beide kreischten wie Narren, bis ihnen die Tränen an den Wangen herunterliefen.
»Es ist alles verloren!«, rief Asch erneut, und nun brüllten sie vor Vergnügen und hielten sich die Seiten, während die Flammen ihre lachenden Gesichter erhellten und die Sterne in Greifweite über ihnen schillerten.
» Es ist alles verloren! «, schrien sie in die Nacht hinein.
KAPITEL NEUN
Wildnis des Geistes
»Was ist das?«
»Ein Busch.«
»Das sehe ich, aber was ist so besonders daran?«
»Was meinst du damit?«
»Warum stehen wir hier und starren ihn an?«
Genau das taten sie. Sie standen da und stierten auf einen kleinen grünen Busch neben einem gurgelnden Gebirgsbach. Es war am frühen Morgen; die Sonne schien ihnen grell in die Augen. Von der vergangenen Nacht hatte Nico schreckliche Kopfschmerzen.
»Hast du je zuvor einen solchen Busch gesehen, Nico?«
»Ich weiß nicht.«
»Dann sieh ihn dir mal genauer an. Betrachte seine Früchte.«
Nico beugte sich vor. Die Beeren waren klein und ölig schwarz. Sie waren mit seltsamen weißen Flecken gemustert, die ein wenig wie Schädel aussahen. »Nein, ich glaube nicht.«
»Nein, das hast du nicht. Es gibt nur wenige dieser Büsche auf der Insel Cheem. Sie wurden aus Zanzahar
hierhergebracht, und dorthin kamen sie ursprünglich von der Insel des Himmels.«
Nico hörte ohne große Aufmerksamkeit zu. Sein Magen war heute Morgen gefährlich unruhig, und er wollte nichts anderes als sich hinlegen und für den Rest des Tages zusammenrollen. Wenn sich das Cheemfeuer am nächsten Morgen immer so anfühlte, dann würde er dieses Zeug nie wieder trinken, schwor er sich.
»Meine Erinnerung, Nico«, sagte Asch, während er vor dem Busch in die Knie ging. Er pflückte zwei Beeren vom selben Ast und warf sie in seinen zerbeulten Zinnbecher. Nico beobachtete ihn abwartend. Der alte Mann seufzte und hielt inne.
»Als wir zum ersten Mal nach Cheem kamen, um hier unseren Orden zu gründen«, berichtete er, »taten wir das, weil schon viele ältere Sekten in diesen Bergen entstanden waren – religiöse Orden an abgelegenen Orten, wo Weisheitssucher sich vor der Welt der Menschen zurückziehen konnten. Hier leben nur wenige. Es ist eine Wildnis, in der man sich leicht verlieren kann.
Aber das reichte nicht aus, um unseren Orden vor allen neugierigen Augen zu schützen. Wir befürchteten, dass ein Rō̄schun, falls er gefangen genommen wurde, den Ort unseres Klosters verraten und uns alle in Gefahr bringen könnte. Daher wurden unsere Erinnerungen an diesen Ort … verändert . Sie wurden in der Tiefe vergraben. Der Seher in Sato kennt die Methoden, mit denen das erreicht wird.« Asch zerquetschte die Beeren mit Hilfe eines abgebrochenen Zweiges langsam und sorgfältig und schenkte dieser Arbeit seine ganze Aufmerksamkeit.
»Wenn ich den Saft dieser Beeren zu mir nehme, öffnen sich mir die Erinnerungen, die vor mir verborgen sind, und zeigen mir den Weg.«
Asch spuckte in den kleinen Becher und hielt ihn Nico entgegen, damit er dasselbe tat. Nico runzelte die Stirn, beugte sich vor und spuckte ebenfalls in das Gefäß. Asch verrührte die breiige Masse noch ein wenig. »Wenn ich sie nicht richtig zubereite«, gestand er fröhlich, »kann sie tödlich sein.«
Er bedeutete Nico, sich neben ihn zu knien. Zuerst zögerte Nico und fragte sich, was der alte Mann nun mit ihm vorhatte. Trotzdem kniete er sich hin. Das Ende des Zweiges tauchte aus dem Becher auf, und Asch hob ihn an Nicos Stirn, worauf dieser sofort zurückschreckte.
»Beweg dich nicht, Junge.«
»Warum muss ich das nehmen?«
»Damit du dich nicht an den Weg erinnerst.«
Asch betupfte Nicos Stirn mit dem Gebräu und summte dabei leise etwas. Dann trug er die gleiche Lösung auf seine eigene Haut auf.
»Und was jetzt?«, fragte Nico, als der alte Mann seinen Becher auswusch. Der blaue Fleck auf seiner Stirn war schon eingetrocknet und rot geworden.
»Entspann dich. Nimm’s leicht. Es kommt ganz langsam. «
Also entspannte sich Nico. Er rollte sich zu einer Kugel zusammen und schlief sofort ein.
Die Träume kamen über ihn wie schwarzer Teer, der durch den Boden quoll. Sie hüllten ihn langsam und unausweichlich ein, drängten durch all seine Poren bis in den Kopf, und bald waren seine Gedanken ebenfalls wie Teer.
In diesen Träumen schien er bisweilen vollkommen wach zu sein. Es herrschte Zwielicht, sein Meister führte ihn, sie saßen auf Mauleseln und mühten
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