Ferne Ufer
dich gefahren? Du führst dich auf wie ein brünstiges Tier, ohne dich darum zu kümmern, daß dich jeder im Haus hört.«
Langsam und tapsig wie ein Bär glitt er von mir herunter. Jenny nahm eine Decke vom Bett und legte sie über mich.
Er stand auf allen vieren und schüttelte sich wie ein Hund die Tropfen aus dem Haar. Allmählich kam er auf die Füße und zog sich die zerrissene Hose zurecht.
»Schämst du dich nicht?« rief sie empört.
Jamie blickte auf sie nieder, als hätte er nie zuvor ein Geschöpf wie sie gesehen. Aus den Haarspitzen fielen die Tropfen auf seine nackte Brust.
»Ja«, sagte er schließlich. »Ich schäme mich.«
Benommen schloß er die Augen. Ein Frösteln erfaßte ihn. Wortlos wandte er sich um und verließ das Zimmer.
35
Flucht aus dem Paradies
Während Jenny mir ins Bett half, gab sie leise schnalzende Laute von sich, ob aus Entrüstung oder Besorgnis, konnte ich nicht sagen. In der Tür standen schemenhafte Gestalten - vermutlich Dienstboten -, aber sie waren mir herzlich einerlei.
»Ich bring’ dir was zum Anziehen«, murmelte Jenny, schüttelte ein Kopfkissen auf und drückte mich hinein. »Und was zu trinken. Wie fühlst du dich?«
»Wo ist Jamie?«
Mitleid und Neugierde sprachen aus ihrem forschenden Blick.
»Keine Angst, ich laß ihn nicht zu dir«, erklärte sie entschieden. Sie preßte die Lippen fest zusammen, während sie die Decke um mich herum feststeckte. »Wie konnte er nur so etwas tun?«
»Er ist nicht schuld - zumindest nicht an dem, was vorhin geschehen ist.« Ich fuhr mir mit der Hand durch das zerzauste Haar. »Ich meine… ich war genauso daran beteiligt. Wir beide… er… ich…« Unfähig, die Situation zu erklären, ließ ich hilflos die Hand sinken. Überall hatte ich blaue Flecken und fühlte mich ziemlich mitgenommen. Außerdem waren meine Lippen geschwollen.
»Ich verstehe«, erwiderte Jenny kurz und blickte mich prüfend an. Vielleicht tat sie es ja wirklich.
Sie schwieg eine Weile. Sie spürte wohl, daß ich über das Vorgefallene nicht sprechen wollte. Dann gab sie jemandem im Flur mit leiser Stimme Anweisungen und machte sich im Zimmer zu schaffen, rückte die Möbel wieder zurecht und räumte auf. Als sie die Löcher im Schrank entdeckte, hielt sie kurz inne, bückte sich und sammelte die größeren Scherben des zerschmetterten Krugs auf. Da hörte ich einen dumpfen Schlag. Jemand hatte die Haustür zugeworfen. Jenny trat ans Fenster und hob den Vorhang.
»Es ist Jamie«, meinte sie zu mir und ließ die Gardine wieder sinken. »Wahrscheinlich geht er auf den Hügel. Wenn er durcheinander ist, geht er entweder dorthin, oder er betrinkt sich mit Ian. Der Hügel ist besser.«
Ich schnaubte verächtlich.
»Natürlich ist er durcheinander. Geschieht ihm recht.«
Vom Flur her hörte ich flinke Schritte. Janet erschien mit einem Tablett. Sie war blaß und wirkte verängstigt.
»Geht er dir… gut, Tante?« fragte sie zaghaft, als sie das Servierbrett abstellte.
»Ja«, versicherte ich ihr, setzte mich auf und streckte meine Hand nach der Whiskykaraffe aus.
Nachdem sich Jenny mit einem raschen Blick von der Richtigkeit meiner Worte überzeugt hatte, tätschelte sie ihrer Tochter den Arm und wandte sich zur Tür.
»Leiste deiner Tante Gesellschaft«, wies sie das Mädchen an. »Ich suche inzwischen ein Kleid für sie heraus.« Janet nickte gehorsam, setzte sich auf den Schemel neben dem Bett und sah mir zu, wie ich aß und trank.
Kaum hatte ich ein wenig zu mir genommen, fühlte ich mich körperlich viel besser. Nur innerlich war ich noch wie erstarrt. Die zurückliegenden Ereignisse schienen mir zum einen unwirklich, zum anderen standen sie mir überdeutlich vor Augen. Ich erinnerte mich an jede noch so winzige Einzelheit. Die Kattunschleifchen auf dem Kleid von Laoghaires Tochter, die geplatzten Äderchen auf Laoghaires Wangen, der abgerissene Fingernagel an Jamies Ringfinger.
»Weißt du, wo Laoghaire ist?« fragte ich Janet, die unverwandt auf ihre Hände blickte. Blitzschnell hob sie den Kopf.
»Oh«, sagte sie. »Ja, sie ist mit Marsali und Joan nach Balriggan zurückgeritten, wo sie wohnen. Onkel Jamie hat sie fortgeschickt.«
»Aha«, sagte ich.
»Tante… es tut mir schrecklich leid«! meinte sie unvermittelt. Ihre Augen, die den gleichen warmen Braunton wie die ihres Vaters besaßen, füllten sich mit Tränen.
»Ist schon gut«, erwiderte ich beruhigend.
»Es war meine Schuld!« platzte sie heraus. Sie sah
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