Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen

Ferne Ufer

Titel: Ferne Ufer Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Diana Gabaldon
Vom Netzwerk:
Sterben liegt.«
     
    »Wenn du mich anlügst, Ian Murray«, drohte ich ihm zum hundertstenmal, »wirst du es büßen bis ans Ende deiner Tage - das dann kurz bevorsteht!«
    Da ein heftiger Wind aufgekommen war, mußte ich schreien, damit der Junge mich hörte. Die Böen fuhren mir durchs Haar und peitschten mir die Röcke um die Beine. Das Wetter war angemessen dramatisch: große, schwarze Wolken dräuten über den Pässen und in der Ferne grollte der Donner.
    Nach Atem ringend, stemmte Ian sich gegen den Wind. Er ging zu Fuß und führte beide Pferde über den tückisch morastigen Grund entlang eines winzigen Sees. Instinktiv warf ich einen Blick auf mein Handgelenk. Ich vermißte meine Rolex.
    Bis Lallybroch lagen noch etliche Stunden vor uns. Ich hatte das Wäldchen in dem Ian mich gefunden hatte, erst am zweiten Tag erreicht. Ian hatte nur einen Tag dazu gebraucht. Er kannte die grobe Richtung, und da er mein Pferd eigenhändig neu beschlagen hatte, konnte er meine Spur leicht verfolgen.
    Bis wir Lallybroch erreichten, wären also drei Tage seit Jamies Verwundung vergangen.
    Ich konnte dem Jungen nur wenige nützliche Einzelheiten entlocken. Nachdem er seine Mission erfolgreich beendet hatte, war ihm daran gelegen, so schnell wie möglich nach Lallybroch zurückzukehren, und er legte keinen Wert auf Unterhaltung. Er sagte, der Schuß habe den linken Arm getroffen. Wenn das alles war - gut und schön! Anschließend hatte sich das Geschoß in die
Seite gebohrt. Das war nicht so gut. Als Ian ihn zuletzt gesehen hatte, war er bei Bewußtsein - gottlob -, aber hatte zu fiebern begonnen. Das war schlecht! Als ich nach möglichen Auswirkungen des Schocks fragte und danach, wie sich das Fieber entwickelte, wie hoch es gewesen sei und wie man Jamie bis dahin behandelt habe, zuckte der Junge nur die Achseln.
    Vielleicht starb Jamie, vielleicht auch nicht. Da wollte ich kein Risiko eingehen, und das wußte Jamie nur zu gut. Vielleicht, so ging es mir durch den Kopf, hatte er selbst auf sich geschossen, um mich zur Rückkehr zu bewegen.
    Es hatte zu regnen begonnen. Die Tropfen fingen sich in meinem Haar und meinen Wimpern und verschleierten meinen Blick. Nachdem Ian den morastigen Teil passiert hatte, saß er wieder auf. Wir nahmen die letzte Anhöhe, bevor wir hinab ins Tal nach Lallybroch gelangten.
    Ich zog mir die Kapuze tiefer ins Gesicht. Obwohl Ians Schultern und Schenkel vor Nässe ganz schwarz aussahen und das Wasser die Krempe seines Schlapphutes heruntertropfte, saß er aufrecht im Sattel und nahm das Unwetter mit der stoischen Gelassenheit des echten Schotten hin.
    Immer wenn ich von Lallybroch fortging, hatte es ein endgültiger Abschied sein sollen. Und nun kehrte ich schon wieder zurück! Zweimal hatte ich Jamie mit der unumstößlichen Gewißheit verlassen, ihn nie wieder zu sehen. Und nun befand ich mich abermals auf dem Weg zu ihm zurück, wie eine Brieftaube, die ihren Schlag aufsucht.
    »Eins sage ich dir, Jamie Fraser«, murmelte ich leise. »Solltest du nicht an der Schwelle des Todes stehen, wenn ich dir gegenübertrete, wirst du es bereuen!«

36
    Hexenzauber
    Bis auf die Haut durchnäßt, erreichten wir Lallybroch etliche Stunden nach Einbruch der Nacht. Friedlich lag das dunkle Haus da, nur aus zwei Fenstern im Erdgeschoß drang ein schwacher Lichtschein. Einer der Hunde schlug kurz an, aber Ian beruhigte ihn rasch.
    Das kurze Warngebell war nicht unbemerkt geblieben. Als Ian mich in die Eingangshalle führte, öffnete sich die Tür zum Salon, und Jennys sorgenvolles Gesicht tauchte auf.
    Als sie den Jungen erblickte, lief sie ihm mit erleichterter Miene entgegen. Die Freude wich jedoch alsbald dem gerechten Zorn einer Mutter, die ihrem fehlgeleiteten Sprößling gegenübersteht.
    »Ian, du Taugenichts!« rief sie. »Wo hast du denn die ganze Zeit gesteckt? Dein Vater und ich sind vor Sorge fast umgekommen.« Sie musterte ihn von oben bis unten. »Fehlt dir auch nichts?«
    Als er den Kopf schüttelte, preßte sie die Lippen wieder aufeinander. »Aye, du kannst dich auf etwas gefaßt machen! Wo hast du dich überhaupt herumgetrieben?«
    Tropfnaß stand der schlacksige Junge vor ihr, einer ertrunkenen Vogelscheuche zum Verwechseln ähnlich, doch immerhin so breitschultrig, daß er seiner Mutter den Blick auf mich versperrte. Er ließ die Strafpredigt über sich ergehen, zuckte linkisch mit den Achseln und trat zur Seite um mich dem erstaunten Blick seiner Mutter preiszugeben.
    Hatte sie bereits

Weitere Kostenlose Bücher