Ferne Ufer
meine Auferstehung von den Toten verblüfft, so verschlug es ihr bei dieser Begegnung ganz und gar die Sprache. Wortlos starrte sie mich eine Zeitlang an, dann blickte sie wieder zu ihrem Sohn.
»Du bist wirklich ein Kuckuck«, meinte sie fast im Plauderton.
»Das bist du tatsächlich, Freundchen - ein Kuckuck in unserem Nest. Gott weiß, wessen Sohn du hättest werden sollen - meiner gewiß nicht.«
Der junge Ian wurde puterrot und schlug die Augen nieder.
»Ich, äh, ich…«, setzte er an, den Blick auf die Stiefel geheftet. »Ich konnte doch nicht einfach…«
»Ich will nichts davon hören«, fuhr seine Mutter ihn an. »Geh schlafen. Dein Vater wird sich morgen früh um dich kümmern.«
Hilflos sah der Junge sich um. Schließlich blickte er achselzuckend auf den durchweichten Hut in seinen Händen, als fragte er sich, wie er dorthin gelangt war, und trottete langsam den Gang hinab.
Jenny wartete, bis die massive Tür hinter ihrem Sohn ins Schloß gefallen war. Die Anspannung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Dunkle Ringe unter ihren Augen deuteten auf Schlafmangel hin. Obwohl sie immer noch grazil war und aufrecht dastand, wirkte sie erstmals so alt, wie sie war.
»Da bist du also wieder«, sagte sie ohne jegliche Regung.
Da ich dieser Tatsache nichts entgegenzusetzen hatte, schwieg ich. Im Haus herrschte tiefe Stille. Ein dreiarmiger Kerzenhalter auf dem Tisch in der Eingangshalle spendete etwas Licht und ließ die Schatten tanzen.
»Das ist jetzt doch einerlei«, sagte ich so leise, als wollte ich das schlafende Haus nicht wecken. Im Augenblick zählte nur eins: »Wo ist Jamie?«
Nach kurzem Zögern nickte sie, als fände sie sich zunächst einmal mit meiner Anwesenheit ab. »Dort drin«, sagte sie und deutete auf die Tür zum Salon.
Ich steuerte darauf zu, hielt jedoch noch einmal inne. Es gab noch etwas zu klären. »Wo ist Laoghaire?«
»Fort«, antwortete Jenny. Im Kerzenschein wirkten ihre Augen ausdruckslos und dunkel.
Ich nickte, schritt durch die Tür und schloß sie behutsam, aber bestimmt hinter mir.
Da Jamie für das Sofa viel zu groß war, hatte man vor der Feuerstelle eine Pritsche für ihn aufgestellt. Das reglose Profil des schlafenden oder bewußtlosen Mannes hob sich dunkel und scharf gegen den Schein der glühenden Kohlen ab.
In welchem Zustand er sich befinden mochte, tot war er jedenfalls nicht, oder noch nicht. Nachdem sich meine Augen allmählich an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, sah ich, wie sich sein Brustkorb unter der Decke hob und senkte. Auf dem kleinen Tisch neben der Pritsche stand eine Karaffe mit Wasser und eine Flasche Weinbrand. Über dem Polstersessel neben der Feuerstelle hing ein Schultertuch. Jenny hatte dort gesessen und Wache gehalten.
Offenbar bestand kein Grund zur Eile. Ich löste die Bänder meines Umhangs und breitete das nasse Kleidungsstück über die Sessellehne. Dann schlang ich mir das Tuch um die Schultern. Meine Hände waren kalt. Ich schob sie unter die Achselhöhlen, um sie auf eine erträgliche Temperatur anzuwärmen, bevor ich Jamie berührte.
Als ich ihm meine Hand auf die Stirn legte, zuckte ich jäh zurück. Seine Stirn glühte. Er wand sich und stöhnte unter meiner Berührung. Fieber, kein Zweifel! Ich blickte ihn eine Weile an, bevor ich mich leise in Jennys Sessel setzte. Das hohe Fieber würde ihn nicht lange schlafen lassen. Ihn zu wecken, nur um ihn zu untersuchen, war unnötig.
Aus dem Umhang tropfte das Wasser in unregelmäßigen Abständen zu Boden, und mir fiel ein alter Aberglauben aus dem Hochland ein: der ›Todestropfen‹. Unmittelbar vor einem Tod, heißt es, hören die, die dafür empfänglich sind, das Geräusch von tropfendem Wasser.
Bisher waren mir gottlob noch keine übernatürlichen Empfindungen widerfahren. Nein, dachte ich sarkastisch, um deine Aufmerksamkeit zu gewinnen, muß man schon eine Reise durch die Zeit unternehmen. Dieser Gedanke entlockte mir ein Lächeln und zerstreute den flüchtigen Schauder, der mich angesichts des Todestropfens erfaßt hatte.
Selbst als mir nicht mehr klamm war von der regennassen Kälte, fühlte ich mich unbehaglich. Die Gründe hierfür lagen auf der Hand. Es war gar nicht so lange her, daß ich nachts an einem ähnlich improvisierten Bett gestanden hatte und dem Tod und einer fehlgeschlagenen Ehe ins Auge gesehen hatte. Auf unserem eiligen Ritt zurück nach Lallybroch hatte ich nicht aufhören können zu grübeln, und auch jetzt war ich meinen Gedanken hilflos
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