Ferne Ufer
blickte aus dem Fenster, an das die Rosenzweige klopften, sobald sich der Wind drehte. »Wahrscheinlich war ich tatsächlich eins.« Scheu sah er zu mir herüber. »Wenn du verstehst, was ich meine.«
»Ich denke schon«, entgegnete ich. Regentropfen, blaß wie der verhangene Himmel, rannen die Fensterscheibe hinab.
»Es ist, als hätte man keine Verbindung zur Erde mehr«, sagte ich leise. »Man schwebt durch Räume, ohne seine eigenen Schritte zu spüren. Man hört Menschen, die zu einem sprechen, ohne daß man den Sinn ihrer Worte erfassen kann. Ich erinnere mich - so war es vor Briannas Geburt.« Sie hatte mich wieder mit dem Leben verbunden.
Er nickte wortlos. Hinter mir in der Feuerstelle zischte das Torffeuer. Es duftete wie das Hochland. Warm und heimelig strömte der Geruch nach Lauchsuppe und gebackenem Brot durch das Haus.
»Ich war zwar hier«, sagte er leise. »Aber nicht daheim.«
Ich spürte die Anziehungskraft dieses Ortes, des Hauses, der
Familie. Ich, die ich als Kind kein Heim gehabt hatte, war erfüllt von dem Verlangen, mich niederzusetzen und für immer zu bleiben, eingebettet in die unzähligen alltäglichen Kleinigkeiten, verbunden mit diesem Stück Erde. Was mochte es für Jamie bedeutet haben, heimzukehren und festzustellen, daß er gar nicht verwurzelt war, nachdem er sich sein Leben lang auf diese Bande gestützt und die Verbannung nur aufgrund der Hoffnung auf Rückkehr überlebt hatte?
»Und vermutlich war ich einsam«, fügte er hinzu. Ruhig lag er mit geschlossenen Augen auf dem Kissen.
»Ja, wahrscheinlich«, stimmte ich ihm zu, darauf bedacht, daß meine Stimme weder mitfühlend noch tadelnd klang. Ich wußte, was Einsamkeit bedeutete.
Da öffnete er die Augen und blickte mich entwaffnend ehrlich an. »Und da war noch das andere«, sagte er. »Es war nicht das wichtigste, aber es war nicht zu leugnen.«
Jenny hatte ihn zunächst behutsam, dann energisch zu überreden versucht, wieder zu heiraten. Seit Culloden hatte sie sich bemüht, hatte ihm junge Witwen und entzückende Jungfrauen vorgestellt - jedoch ohne Erfolg. Jetzt aber gab er nach und hörte auf sie.
»Laoghaire war mit Hugh MacKenzie verheiratet gewesen, einem von Colums Pächtern«, sagte Jamie und schloß die Augen. »Nachdem ihr Mann in Culloden getötet worden war, heiratete sie zwei Jahre später Simon MacKimmie aus dem Fraser-Clan. Die beiden Töchter - Marsali und Joan - sind von ihm. Ein paar Jahre später nahmen die Engländer ihn gefangen und brachten ihn ins Gefängnis nach Edinburgh.« Er hob die Lider und blickte zur Decke. »Simon besaß ein ansehnliches Haus mit Grund und Boden. Das reichte damals, um einen Highlander in den Verdacht geraten zu lassen, er sei ein Verräter, ob er nun offen für die Stuarts gekämpft hatte oder nicht.« Seine Stimme wurde heiser und er räusperte sich.
»Simon hatte nicht soviel Glück wie ich. Er starb im Gefängnis, bevor man ihm den Prozeß machte. Die Krone versuchte, seinen Besitz zu beschlagnahmen, aber Ned Gowan legte in Edinburgh ein Wort für Laoghaire ein. Er konnte das Haupthaus und einen Teil des Geldes retten, indem er erklärte, es sei ihr Wittum.«
»Ned Gowan?« Ich war überrascht und erfreut. »Lebt er noch?« Ned Gowan, ein kleiner Mann in fortgeschrittenem Alter und Advokat des MacKenzie-Clans, hatte mich vor zwanzig Jahren vor der Verbrennung als Hexe bewahrt. Bereits damals war er mir steinalt vorgekommen.
Jamie lächelte. »Aye. Wahrscheinlich muß man ihm eine Axt über den Schädel schlagen, um ihn unter die Erde zu bringen. Er hat sich nicht verändert, obwohl er mittlerweile über siebzig sein muß.«
»Wohnt er noch auf Burg Leoch?«
»Ja, oder was davon übriggeblieben ist. Ned Gowan ist in den vergangenen Jahren viel herumgereist, um bei Prozessen wegen Verrats Berufung einzulegen oder Klage zur Rückgabe von Eigentum einzureichen.« Jamie lächelte bitter. »Wie sagt man noch? Nach einem Krieg kommen erst die Krähen und machen sich über das Fleisch her, dann kommen die Advokaten und nagen die Knochen ab.«
Seine unversehrte Hand wanderte zur linken Schulter und massierte sie gedankenverloren.
»Ned Gowan ist wirklich ein guter Mann, trotz seines Berufs. Er reist ständig, fährt nach Inverness und Edinburgh, manchmal sogar nach London oder nach Paris. Zuweilen kommt er vorbei und stattet uns einen Besuch ab.«
Es war Ned Gowan, der Jenny auf Laoghaire aufmerksam gemacht hatte. Interessiert hatte Jenny weitere Erkundigungen
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