Ferne Ufer
Kopf. »Was Mylord noch mehr beunruhigt, ist der Mann, den der Chinese im Haus von Madame Jeanne erschossen hat.«
»Weil du glaubst, er sei ein Zollbeamter gewesen, der Jamie bis zum Bordell verfolgt hatte? Jamie sagt, das kann nicht sein, weil er keine Papiere bei sich hatte.«
»Das beweist nichts«, entgegnete Fergus. »Aber noch schlimmer ist das Büchlein, das er in der Tasche trug.«
»Das Neue Testament? Das verstehe ich nicht.«
»Nun, Madame, das Buch wurde von Mylord selbst gedruckt.«
»Ach so«, antwortete ich bedächtig, »ich glaube, allmählich dämmert es mir.«
Fergus nickte ernst. »Wenn der Zoll die Spur des Branntweins von der Lieferung bis zum Bordell verfolgt, wäre das schlimm, aber nicht verhängnisvoll - man könnte ein anderes Versteck finden. Mylord hat sogar schon Absprachen mit den Besitzern von zwei Tavernen, die… aber das ist jetzt nicht wichtig.« Er winkte ab. »Doch wenn Beamte der Krone den berüchtigten Schmuggler Jamie Roy mit dem angesehenen Mr. Malcolm aus der Carfax Close in Verbindung brächten…« Er gestikulierte lebhaft. »Sie verstehen?«
Nun war es mir klar. Wenn ihm die Zollbeamten auf die Schliche kamen, konnte Jamie einfach seine Helfer beurlauben, die
Treffpunkte der Schmuggler meiden, für eine Weile untertauchen und so lange wieder in die Rolle des ehrbaren Druckers schlüpfen, bis er sein gesetzloses Handwerk gefahrlos wiederaufnehmen konnte. Aber wenn herauskam, daß es sich um ein und dieselbe Person handelte, so stand nicht nur sein Lebensunterhalt auf dem Spiel, sondern die Spur könnte weiterverfolgt werden, bis sein wahrer Name, seine politische Tätigkeit, seine Verbindung nach Lallybroch und seine Geschichte als Rebell und verurteilter Verräter ans Licht kämen. Dann hätte die Obrigkeit genug Beweise in der Hand, um ihn ein dutzendmal zu hängen - und einmal reichte auch schon.
»Gewiß versteh ich. Also dachte Jamie nicht nur an Laoghaire und Hobart MacKenzie, als er seinem Schwager sagte, es sei am besten, wenn wir für eine Weile nach Frankreich übersiedelten.«
Paradoxerweise fühlte ich mich nach Fergus’ Enthüllungen ein wenig erleichert. Wenigstens war nicht ich allein für Jamies Exil verantwortlich. Durch mein Wiederauftauchen hatte sich nur die Krise mit Laoghaire zugespitzt, mit den übrigen Ereignissen hatte ich nichts zu tun.
»Genau, Madame. Und dennoch steht nicht eindeutig fest, ob ihn einer seiner Männer verkauft hat - und wenn ja, ob der Verräter beabsichtigt, Mylord zu töten.«
»Das ist ein Argument.« Wenn auch kein schwerwiegendes. Falls einer der Schmuggler Jamie für Geld verraten hatte, war das eine Sache. Falls er es aber aus einem persönlichen Rachemotiv heraus getan hatte, konnte der Mann gut vorhaben, die Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen, da wir uns nun - zumindest vorübergehend - dem Zugriff der Königlichen Zollbehörde entzogen hatten.
»Wenn das also zutrifft«, fuhr Fergus fort, »dann ist es einer der sechs Männer - die ich im Auftrag von Mylord an Bord geholt habe. Diese sechs waren mit dabei, als die Fässer rollten und als die Scheune Feuer fing. Und alle waren schon im Bordell.« Er hielt inne. »Und sie alle waren auch bei Arbroath mit von der Partie, als wir in den Hinterhalt gerieten und den erhängten Zollbeamten fanden.«
»Wissen sie auch alle über die Druckerei Bescheid?«
»Aber nein! Mylord hat stets darauf geachtet, daß keiner von
den Schmugglern davon erfährt - aber man kann nicht ausschließen, daß einer von ihnen zufällig auf Alexander Malcolm gestoßen ist.« Er lächelte bitter. »Mylord ist nicht gerade eine unauffällige Erscheinung.«
»Fürwahr«, sagte ich, seinen Tonfall nachahmend. »Aber nun kennen sie alle Jamies Namen - Kapitän Raines nennt ihn Fraser.«
»Ja«, sagte Fergus mit einem grimmigen Lächeln. »Und deshalb müssen wir herausfinden, ob wir tatsächlich einen Verräter an Bord haben - und wer er ist.«
Als ich Fergus ansah, wurde mir zum erstenmal klar, daß er tatsächlich zum Mann herangewachsen war - und zwar zu einem gefährlichen. Ich hatte ihn als quirligen Zehnjährigen kennengelernt, und ich würde in den Zügen des Mannes immer etwas vom Gesicht des Knaben entdecken. Aber ein Gassenjunge war er nun schon lange nicht mehr.
Während unseres Gesprächs hatte Marsali unentwegt aufs Meer hinausgeschaut, damit sie nicht Gefahr lief, einige Worte mit mir wechseln zu müssen. Doch offensichtlich hatte sie zugehört, denn nun sah ich,
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