Flammen der Rache
Skelette wirkten so klein, dabei erinnerte er sich an hünenhafte Kerle. Jetzt waren sie ein zerbrechlicher Haufen schmutziger Knochen, auf die der Himmel pisste. Sie waren ein abstoßender, trauriger, unheilvoller Anblick.
Bruno ging neben Rudy in die Hocke und betrachtete sein spöttisches Grinsen – besser gesagt die obere Hälfte davon –, als hoffte er, es würde ihm etwas verraten. Den anderen Männern war nach Exekutionsmanier in den Hinterkopf geschossen worden. Rudy nicht. Tony hatte dem Bastard in die Augen schauen wollen, als er den Abzug betätigte.
Kev kam über die Hügelkuppe und näherte sich dem umgestürzten Baum, auf dem Bruno hockte. Er setzte sich neben ihn. Sein Schweigen sagte mehr als tausend Worte. Die Sonne war untergegangen. Dicke Wolken wälzten sich über den Himmel. Nebel waberte zwischen den Bäumen. Bald würde die Nacht hereinbrechen. Sie suchten seit vierzehn Stunden. Diese Sache war Wahnsinn.
Bruno sah es ein, trotzdem war er so frustriert, dass er hätte töten können.
»Also …«, setzte Kev an.
»Nicht«, knurrte Bruno. »Spar dir die Worte. Ich weiß es selbst.«
Kevs Brauen zuckten nach oben. »Was dachtest du, dass ich sagen wollte?«
Bruno vergrub den Kopf zwischen den Händen. »Ich will es nicht hören.«
Kev saß da und sprach es nicht aus. »Ich war oben am Felsplateau«, bemerkte er nach einer Weile. »Ich habe Edie angerufen.«
»Und weiter?«
»Sie waren gerade beim Abendessen.«
»Schön für sie.«
»Es gab Osso buco«, sagte Kev schwelgerisch. »Mit Rosmarinkartoffeln. Dazu
insalata Calabrese
mit Tomaten und süßen roten Zwiebeln und Brötchen mit Kräutern und Asiago-Käse. Und zum Runterspülen einen leckeren, fruchtigen
Primitivo di Manduria
.«
Bruno starrte auf seinen Müsliriegel und spuckte den klebrigen, unzerkauten Bissen aus. »Du verdammter Sadist«, fluchte er. »Womit habe ich das verdient?«
»Ach, es macht einfach nur Spaß. Hatte ich den Schokoladencremekuchen erwähnt?«
»Du kannst so nicht mit mir umspringen«, beschwerte Bruno sich. »Du hast gesagt, dass ich dir den Arsch gerettet habe, erinnerst du dich? Du schuldest mir was.«
Kev grinste. »Lass dir das bloß nicht zu Kopf steigen.«
»Keine Sorge. Es gibt nichts Erniedrigenderes, als Leichen auszubuddeln.«
Sie hingen beide eine Weile diesem aufmunternden Gedanken nach. Dann ergriff Kev wieder das Wort. »Edie hat eine Zeichnung angefertigt«, bemerkte er bewusst beiläufig. »Für Lily.«
Bruno setzte sich kerzengerade auf. »Eine dieser speziellen? Kein Scheiß?«
»Absolut nicht.«
Bruno sprang vor Aufregung praktisch auf und ab. Seit dem Zombie-Erschaffer-Debakel glaubte er fest an Edies übernatürliche Fähigkeiten. »Und? Was hat sie gesehen? Was hat sie gezeichnet?«
Kevs Lippen zuckten. »Deine Schwiegermutter.«
Bruno glotzte ihn verständnislos an. »Häh?«
»Du hast richtig gehört. Sie hat ein Porträt von Lilys Mutter gezeichnet.«
»Aber … aber …«, stammelte Bruno verwirrt. »Die Frau ist schon tot, seit Lily …«
»Ja, ich weiß. Merkwürdig, nicht? Edie war völlig von den Socken. Lily natürlich auch. Laut Edie konnte sie nicht aufhören zu weinen. Es muss eine extrem intensive Erfahrung gewesen sein.«
Bruno starrte auf die Skelette. Er hatte das Gefühl, als würde Dampf aus seinen Ohren entweichen. Er stand auf und lief hin und her, um den Druck zu verringern, bevor sein Kopf explodierte.
»Eine extrem intensive Erfahrung«, wiederholte er. »Ja, für die gute alte Mama vielleicht. Ansonsten ist es praktisch gesehen vollkommen nutzlos. Wieso konnte Edie kein Bild von dem Bastard zeichnen, der uns das alles antut? Am besten mit seiner Visitenkarte in der Hand. Mit einer Google Map?«
Kev wandte den Blick ab, um sein Lächeln zu verbergen, aber Bruno erkannte es anhand der Fältchen an seinen Schläfen.
»Tut mir leid«, sagte Kev sanft. »Aber die mysteriösen Fähigkeiten meiner übernatürlich veranlagten Freundin lassen sich keine Befehle erteilen.«
»Na großartig!«, brüllte Bruno zum Himmel. »Einfach großartig! Die Geister der Toten erheben sich, um mit uns in Kontakt zu treten, und was bekomme ich? Ein Bild von meiner verstorbenen Schwiegermutter in spe! Das darf doch alles nicht wahr sein!«
Er unterstrich seine Bemerkung mit einem brutalen Tritt gegen ein Stück verrottetes Holz, das auf ein paar der Knochen gelegen hatte. Sie waren gezwungen gewesen, das Ding auszugraben und aus dem Loch zu hieven. Es war porös
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