Flammen der Rache
und plötzlich war sie nicht nur hübsch, sondern wunderschön. Lily lächelte zurück. Die Idee reifte zu einem Entschluss heran.
Sie wandte sich an Edie. »Würdest du mich deuten?«, unterbrach sie das Gespräch der anderen. »Oder, ich meine, würdest du eine Zeichnung für mich anfertigen?«
Edie und Tam schauten sie verblüfft an, dann fasste Edie sich. »Ja, sicher. Es wäre mir eine Ehre. Allerdings musst du mir zuerst etwas versprechen.«
Lily wurde misstrauisch. »Was denn?«
Edie schien ihre Worte mit großer Sorgfalt zu wählen. »Manchmal sehe ich Dinge, die die Menschen nicht wissen wollen. Ich kann nicht kontrollieren, was mein Bleistift zutage fördert. Ich wollte dich nur warnen. Es könnte sein, dass es dir nicht gefällt … was immer es ist.«
Lily seufzte erleichtert. Damit würde sie klarkommen. »Kein Problem. Ich habe in letzter Zeit viel Übung darin bekommen, mich unangenehmen Dingen zu stellen. Was ist schon eine negative Voraussagung verglichen damit, die Zielscheibe von Scharfschützen zu sein?«
»Da hast du nicht ganz unrecht«, pflichtete Edie ihr bei, doch sie wirkte noch immer unentschlossen.
»Mach dir keine Sorgen«, beruhigte Lily sie. »Ich werde dir hinterher keine Vorwürfe machen.«
»Na gut.« Edie stand anmutig auf. »Ich hole meinen großen Skizzenblock. Dieser hier ist zu klein. Da kommt mein Stil nicht zur Geltung.«
»Brauchst du immer einen Skizzenblock dafür? Um Dinge zu sehen?«
»Nicht immer. Vor unserem Abenteuer hatte ich diese hellsichtigen Eingebungen nur, wenn ich zeichnete. Doch seitdem stürmen sie permanent auf mich ein.« Sie lächelte zurückhaltend. »Aber Kev hat mir geholfen. Wir haben Methoden entwickelt, um sie zu kontrollieren. Trotzdem kann ich mich noch immer am besten fokussieren, wenn ich einen Stift in der Hand halte.« Sie zwinkerte Lily zu. »Möchtest du mein Versuchskaninchen sein?«
»Unbedingt.«
Tam schaute sie mit wachsendem Respekt an, als Edie das Zimmer verließ. »Du bist eine mutigere Frau als ich.«
»Als du?« Lily musste unfreiwillig lachen. »Wer kann schon mutiger sein als
du
? Jetzt hör aber auf. Du bist eine sexy Amazone, die sich von nichts und niemandem etwas gefallen lässt.«
»Trotzdem würde ich Edie niemals für mich zeichnen lassen«, sagte Tam sanft. »Ich will den Ungeheuern meiner Vergangenheit nicht begegnen. Mir ist es lieber, sie bleiben begraben.«
Lily bekam wieder eine Gänsehaut. Die Sonne war hinter die Dunstwolken am Horizont gesunken und hatte bis auf die orangeroten Flammen des Kaminfeuers alle Farbe aus dem Zimmer gesaugt. »Ich würde jede Chance nutzen, dich sich mir bietet, um Licht in dieses Chaos zu bringen.«
»Mach ihr keine Angst«, tadelte Sveti Tam. »Ich denke, es ist eine gute Idee.«
»Ich auch«, sagte Liv und kuschelte ihr Baby fester an sich.
Tam nickte bedächtig, während ein kleines Lächeln ihrer marmorartigen Perfektion etwas von ihrer Härte nahm. »Ich wollte dich nicht entmutigen. Es war ein Kompliment.«
»Oh, na dann vielen Dank«, murmelte Lily.
Doch der Schaden war geschehen. Als Edie mit ihrer Zeichenkohle und einem großen Skizzenblock zurückkehrte, war Lily so nervös, dass sie fast einen Rückzieher gemacht hätte. Edie knipste eine Lampe an, dann setzte sie sich ein Stück vor Lilys Füßen auf den Boden und blätterte durch die Seiten, bis sie eine leere Seite fand. Sie zog ein Bein an und stützte den Block darauf.
»Du bist dir ganz sicher?«, vergewisserte sie sich ein letztes Mal.
»Äh, ja«, stammelte Lily. »Muss ich irgendetwas tun?«
»Nein«, antwortete Edie geistesabwesend. »Entspann dich einfach.«
»Wenn das so einfach wäre.«
»Sieh hinaus auf den Ozean«, schlug Liv vor. »Denk an etwas anderes.«
Lily war so nervös, als stünde ihr eine schmerzhafte Erfahrung bevor. Aber dann gelang es ihr, sich auf den Ozean zu fokussieren. Seine unendliche Weite war hypnotisierend und beruhigend.
Niemand sagte ein Wort. Edies Zeichenkohle glitt kratzend über das Papier, während sie skizzierte. Irgendwann gab Lily ihrer Neugier nach und linste zu Edie hinüber.
Doch sofort schaute sie hastig wieder weg, obwohl Edie es nicht bemerkt hatte. Ihre Augen waren von einem irisierenden Leuchten erfüllt. Wahrscheinlich eine Täuschung des Lichts, das sich in ihren silbergrauen Augen brach. Der Kohlestift jagte ruckelnd über das Papier, als wäre er lebendig. Nur mit Mühe riss Lily sich zusammen und konzentrierte sich wieder auf den
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