Flammen der Rache
sie die Stimme zurecht. Lily wollte im Moment nicht über ihre Optionen nachdenken. Ihr Hirn würde sowieso nicht einwandfrei funktionieren. Folglich konnte sie ebenso gut die Körperteile von sich einsetzen, die voll einsatzfähig waren.
Der elegante junge Mann, der mit einem gestärkten weißen Anzughemd und einer figurbetonten schwarzen Hose bekleidet war, räumte geräuschlos die Käse- und Obstplatte ab. Er brachte frische Weingläser und schenkte neuen Wein ein.
Neil King belohnte ihn mit einem lobenden Blick für sein Timing und die Weinauswahl. Er brauchte einen winzigen Moment, um den Namen des Jungen in seiner mentalen Speicherbank zu finden. Julian. Ja, so hieß er. Er war etwa siebzehn. Er machte sich recht gut, wenn man ihn mit der Aufgabe betraute, King ein spätes Abendessen zu servieren.
Julian war einer von Kings speziellen Auszubildenden. Er studierte den Wuchs des Jungen, seine Kinnpartie, seine Grübchen. Er war hübsch und bewundernswert selbstbeherrscht. Die jungen, unerfahrenen Zöglinge verhielten sich häufig nervös und linkisch in seiner Gegenwart. King fand das lästig.
Heute war er milde gestimmt und schenkte seine ganze Aufmerksamkeit Zoe, der jungen Frau, die ihm gegenüber am Tisch saß. Sie hatte es sich für die geschmeidige Abwicklung der Howard-Parr-Angelegenheit verdient. Zumindest was ihren Teil betraf. Es war nicht ihre Schuld, dass das Restliche so unerwartet aus dem Ruder gelaufen war.
Zoe war eine seiner ältesten Agentinnen, aus der ersten Zucht. Tatsächlich war sie die einzige Überlebende ihrer Gruppe. Die Ausschussrate war in früheren Zeiten wesentlich höher gewesen. Ihr genaues Alter ließ sich nicht bestimmen, da sie als Kleinkind aus den Slums von Rio de Janeiro geholt worden war – im Gegensatz zu seinen anderen Zöglingen, die ihre Ausbildung noch im Mutterleib begonnen hatten. Zoe hatte keinen Nachnamen, keine Geburtsurkunde. Ungeachtet der Entbehrungen während ihrer frühesten Kindheit war sie zu einer Schönheit herangereift. Genau wie seine anderen Mitarbeiter war sie praktisch unsichtbar und allzeit bereit, jede Identität anzunehmen, die ihm von Nutzen war. Sie gehörte ihm mit Leib und Seele.
Er hatte Zoe schick herausgeputzt fast vier Stunden auf dieses Abendessen samt Einsatznachbesprechung warten lassen. Es war ein hektischer Tag gewesen und schon nach Mitternacht, doch als er schließlich in sein privates Speisezimmer trat, sprang sie mit kaum verhohlener Freude auf.
Ach ja, Kontrolle war schon immer Zoes Problem gewesen. Dennoch war er im Grunde zufrieden mit ihr. Für Howard den Aufpasser zu spielen war kein einfacher Auftrag gewesen. Es hatte ein spezielles Training sowie Jahre öder Undercover-Arbeit in Aingle Cliff erfordert. Doch die Sache hatte ein gutes Ende genommen. Als Lily Parr ihren Vater in eine Pflegeeinrichtung hatte einweisen lassen, war King mehr als versucht gewesen, ihn auf der Stelle töten zu lassen. Aber irgendetwas hatte ihn zurückgehalten. Er hasste es, eine Entscheidung rückgängig machen zu müssen, und Howard hatte sich vor Angst in die Hose gemacht. Außerdem sollte ein Mord immer das letzte Mittel sein. King war kein gewalttätiger Mafiagangster, auch wenn er Geschäfte mit ihnen machte. Er kümmerte sich um seine Angelegenheiten mit weit mehr Finesse. Die zusätzlichen Kosten lohnten den Aufwand allemal.
Howard war nach Aingle Cliff verlegt worden, kurz nachdem Zoe beinahe einen Auftrag verpfuscht hätte. Sie war bei King in Ungnade gefallen und hatte eine lange, zähe Zeit der Buße verdient gehabt. Was hätte sich da besser angeboten, als für Howard den Babysitter zu spielen? Es war eintönig, zermürbend und hätte schlimmstenfalls noch ewig dauern können. Genau das Richtige, um Zoe eine Lektion in Sachen Selbstkontrolle zu erteilen, während sie gleichzeitig viele Stunden harte Neuprogrammierung absolvierte.
Seine Rechnung war aufgegangen. Er hatte eine Multimillionen-Dollar-Investition gerettet. Zoe hatte sich geduldig und unterwürfig gezeigt. Sie hatte ihre Befehle fehlerfrei und mit nur wenigen Minuten Vorlaufzeit ausgeführt. Niemand in Aingle Cliff witterte ein falsches Spiel. King hatte das Worterkennungs-Bot analysiert und war zu dem Urteil gelangt, dass die technische Verzögerung nicht allein Zoes Schuld gewesen war. Das Gerät hatte versagt. Man konnte unmöglich alles einkalkulieren.
Er betrachtete sie mit Wohlwollen, während sie munter weiterplapperte. Sie langweilte ihn mit zu vielen
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