freeBook Kein Espresso fuer Commissario Luciani
bestens an das kleine Stadion erinnern: die Tribünen brechend voll, die Umzäunung löchrig, teilweise sogar
heruntergerissen, das Publikum kam bis auf zwei Meter an die Spieler heran: Sicherheitsmaßnahmen – Fehlanzeige. Hinter jedem
Tor standen zwei Carabinieri, das war alles. Der Platz wirkte wie frisch gepflügt.
Zweite Minute, der Ball kommt zu Marco, er ist noch weit vor dem Strafraum, mit dem Rücken zum Tor. Der Vorstopper mäht ihn
von hinten um, trifft beide Knöchel. Marco fällt auf den Rücken und bekommt eine Minute lang keine Luft mehr. Der Schiedsrichter
hebt die Arme und signalisiert: weiterspielen. Noch ein böses Omen.
|349| Was folgte, war eher eine Treibjagd als ein Fußballspiel. Die anderen schrubbten wie die Irren, unbehelligt, sobald Marcos
Kameraden zurückschlugen, sahen sie Gelb. Wer Marco foulte, bekam manchmal einen Freistoß zugesprochen, ein Ellbogen traf
ihn – ungestraft – im Gesicht, und zwei Tacklings hätten ihm wohl Schien- und Wadenbein gebrochen, wenn er nicht rechtzeitig
weggesprungen wäre. In der gesamten ersten Halbzeit wurde kein einziges Mal aufs Tor geschossen.
Er konnte sich noch an den Geruch in der Umkleide erinnern, ihre dampfende Wut.
Der Trainer ging zum Schiedsrichter, um sich zu beschweren. Als er zurückkam, war er knallrot im Gesicht, fuchsteufelswild:
»Jetzt geht ihr auf den Platz und reißt diesen Hurensöhnen den Arsch auf. Schaut nicht auf das Publikum, schaut nicht auf
den Schiedsrichter. Schaut nur auf den Ball, eure Mitspieler und das Tor. Ich will nur euch auf dem Platz sehen.«
Sie liefen wie Furien auf und begannen, Druck aufzubauen, die Gegner in deren Strafraum einzuschnüren. Der Torhüter zeigte
eine schöne Parade, dann trafen sie per Freistoß den Pfosten. Der erste Elfmeter, der um die zehnte Spielminute herum gegen
Marco verursacht wurde, war absolut eindeutig: Marco hatte den Ball etwa einen Meter innerhalb des Strafraums angenommen,
vorwärts über den Verteidiger gelupft, und dieser hatte die Kugel – zack – mit dem Arm mitgenommen. Der Schiedsrichter schrie:
»Weiter, weiter, unabsichtlich.« Er gehörte zu den Schiris, die gerne reden.
Die zweite Strafstoßsituation war um die 30. Spielminute herum, vorher hatte es noch zwei Paraden und zwanzig Massenszenen
vor dem Tor gegeben. Marco war auf dem rechten Flügel entwischt, hatte zwei Gegner ausgedribbelt, war in den Strafraum vorgestoßen,
und der Libero hatte ihn |350| gelegt. Das trockene Geräusch am Schuh mußte man bis auf die Tribüne gehört haben. Der Schiedsrichter gab ihm die Gelbe Karte
wegen Simulierens und zischte ihm ins Gesicht: »Das nächste Mal fliegst du vom Platz.« Marco riß sich zusammen, unterdrückte
einen Schrei, er wollte unbedingt auf dem Feld bleiben und dieses verfluchte Tor schießen. Er erzielte es zwei Minuten später
per Kopf, nach einem Eckstoß. Er war schon fast bis zur Mittellinie gerannt, bevor er mitbekam, daß das Tor wegen eines angeblichen
Fouls von ihm annulliert wurde.
Acht Minuten vor Schluß der dritte Elfmeter. Der eindeutigste. Ein Mitspieler schlug eine Flanke in den Strafraum, ein Abwehrspieler
segelte am Ball vorbei, der plötzlich auf Marcos Schlappen landete, fünf Meter vor dem Tor. Marco holte mit rechts zum Schuß
aus, doch da war plötzlich der Fuß weg, von hinten weggesenst. Diesmal kreisten Marcos Mitspieler den Schiedsrichter ein und
schrieen ihn an, doch dieser bahnte sich – unterstützt von den Gegnern – mit Ellbogen und Rempeleien einen Weg, stürzte sich
auf den am Boden liegenden Marco, zog erst die Gelbe, dann die Rote Karte: »Schwalbe. Leute wie du haben auf dem Fußballplatz
nichts verloren.«
Marco Luciani schnellte auf die Füße, die Hitze wallte durch seinen ganzen Körper. Aber sein Kopf blieb klar, er wußte: wenn
er jetzt den Schiri schlug, dann war die Partie gelaufen, man würde den Gegnern am Grünen Tisch den Sieg zusprechen, und für
Marcos Team war der Traum vom Aufstieg ausgeträumt. Es blieben ihnen noch ein paar Minuten, in denen sie alles auf eine Karte
setzen konnten; diese Hoffnung durfte Marco seinen Mitspielern nicht nehmen.
Nachdem er aufgestanden war, schaute er dem Schiedsrichter einen Moment lang in die Augen. Sein Gegenüber wich dem Blick sofort
aus, starrte in den Himmel, während sein hochgereckter Arm die Rote Karte zeigte. Marco Luciani |351| verließ wortlos den Platz und ging in die Umkleidekabine. Einige
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