Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen

Gefaehrten der Finsternis

Titel: Gefaehrten der Finsternis Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Chiara Strazzulla
Vom Netzwerk:
Art auf, um seine Rede ein bisschen weniger dramatisch klingen zu lassen, dann wurde er sogleich wieder ernst. »Das war ein hässlicher Krieg. Der erste und schlimmste in meinem Leben, denn all meine Vorstellungen, meine Gewissheiten stürzten wie ein Kartenhaus in sich zusammen. In der Zeit des Friedens hatte ich mir ein eher vages und ungenaues Bild von den Dämonen gemacht. Es basierte auf dem, was ich von meinem Vater kannte, doch der war eben nicht wie alle anderen. In Friedenszeiten können sich Dämonen sehr unterschiedlich verhalten. Ihre wahre Natur kommt erst zum Vorschein, wenn sie das tun, wozu die Finsternis sie geschaffen hat: kämpfen. Und sie kämpfen auf eine Art und Weise, die jedem, der nicht ist wie sie, einfach nur grauenerregend erscheint. Als der Krieg begann, drückte mir mein Vater ein Schwert von ungefähr einem Meter Länge in die Hand und sagte, dass ich mich nun daran gewöhnen müsste zu töten. Damals war ich gerade einmal dreihundert Jahre alt. Zwei Tage später befand ich mich auch schon auf dem Schlachtfeld, mit nichts als dem Schwert in meiner Rechten und dem Befehl in meinem Kopf, bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen. Gegen
das Volk meiner Mutter. Gegen das Volk, das zur Hälfte auch mein Volk war.«
    Hier brach er ab und schüttelte den Kopf, als würde allein die Erinnerung an diese Ereignisse ihn tief erschüttern. Die schwarze Farbe, die seine eiskalten Dämonenaugen betonte, war ein wenig verwischt, seine langen blonden Haare fielen ihm nun vors Gesicht. Als er wieder zu sprechen begann, brachte er kaum mehr als ein Flüstern heraus, und man hatte den Eindruck, dass jede Silbe ihn enorme Anstrengung kostete. »Anscheinend hatte ich doch mehr Wesenszüge der Ewigen an mir, als ich gedacht hatte. Ich war völlig erschüttert. Bei der erstbesten Gelegenheit flüchtete ich mich in eine abgelegene Höhle und blieb bis zum Abend dort, als die Truppen in ihre Lager zurückkehrten. Und so verfuhr ich lange Zeit. Allein der Respekt vor meinem Vater sowie die Ahnung, dass das Volk meiner Mutter mich nicht wie einen der Ihren mit offenen Armen aufnehmen würde, hielten mich von der Flucht ab. Doch als mein Vater fiel, beschloss ich, dass es auch für mich an der Zeit wäre zu gehen. Meine Mutter hinderte mich keineswegs daran. Schließlich versuchte sie schon seit Jahrhunderten, mich zu diesem Schritt zu bewegen. Ich wollte sie mit mir nehmen, doch sie weigerte sich und meinte, sie wolle mir nicht mein Leben zerstören. Ich konnte und wollte sie nicht verstehen und erklärte ihr, dass ich ohne sie nirgends hingehen würde. Sie sagte nichts und ging nachts allein ihrer Wege. Ich habe sie nie mehr wiedergesehen.«
    Er unterdrückte einen aufsteigenden Seufzer, doch seine Augen blieben trocken. »Jetzt hatte ich niemanden mehr. Ich ging in die Goldene Stadt und hielt mich dort bis zum Ende des Krieges auf. Dort stellt niemand zu viele Fragen und ich war nur ein Deserteur unter vielen. In der Goldenen Stadt hätte ich auch bis in alle Ewigkeit ungestört leben und mir eine Frau nehmen, eine Familie gründen können. Doch das tat ich nicht. Ich zog weiter. Ich wusste, dass mir irgendetwas fehlte, und erst im Süden fand
ich es. Auch dort stellte man kaum Fragen. Und zum ersten Mal empfand ich mich als Ewiger. Daher bin ich, als Euer Hilfeersuchen eintraf, zu unserer Regierung gegangen, und habe darum gebeten, dass man mich entsendet. In gewisser Weise möchte ich mich von einer Schuld befreien. Im letzten Krieg stand ich auf der falschen Seite, oder besser gesagt, auf gar keiner Seite, und das wollte ich nicht noch einmal erleben. Ich hasse die Finsternis und all das Böse, das sie angerichtet hat, und mit den Dämonen verbindet mich nichts mehr. Ich habe keine Familie, ich habe niemanden, dem etwas an meinem Leben liegt. Ich bin frei, dem Ruf meines Herzens zu folgen. Und dieses Mal hat mir eine leise Stimme ins Ohr geflüstert: ›Nun denn,Theresian, alter Freund, es ist an der Zeit, dass auch du auf diesem Schlachtfeld erscheinst und allen beweist, wer du bist. Wenn mich nicht alles täuscht, dann hat hier die Finsternis ihre Hand im Spiel, und mit der hast du ja noch eine Rechnung offen.‹ Dem konnte ich nur zustimmen und daher bin ich hier. Doch wie es aussieht, habe ich einen Fehler begangen.«
    Theresian starrte den König ernst mit seinen rätselhaften Augen an, presste die Lippen zusammen, und Myrachon musste den Kopf senken, da er diesem Blick nicht standhalten

Weitere Kostenlose Bücher