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Gefaehrten der Finsternis

Titel: Gefaehrten der Finsternis Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Chiara Strazzulla
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Und doch mag auch ich nicht an das Geschwätz glauben, die Zeit der Helden sei vorbei.Wenn Frieden herrscht, findet man schwerlich heraus, ob und wo es sie gibt. Doch sobald ein Kampf ansteht, kommen die Helden hervor. Ich bezweifle, dass auch nur einer Eurer Generäle Held genannt wurde, ehe er dem Feind gegenübergestanden hat. Und so wird es ganz sicher auch irgendwo unter uns Helden geben, nur wissen wir noch nicht, wer sie sind.« Mit diesen Worten wies er auf die geordneten Reihen der Truppen hinter ihnen.
    »Das mag ja sein«, meinte der Sire. »Aber ehrlich gesagt,Venissian, halte ich es für nicht allzu klug, von der Finsternis zu sprechen, wenn unsere Männer es hören können. Falls bekannt wird, dass der Feind aus den finsteren Tagen der Vergangenheit zurückgekehrt ist, wird sich Panik breitmachen, und das ist das Letzte, was wir jetzt gebrauchen können.« Myrachon hatte das Gefühl, mit diesem Eingeständnis von Furcht seine Würde beschädigt zu
haben. Dann waren also noch andere zu dem Schluss gekommen, dass die Finsternis zurückgekehrt sein könnte, nicht nur er. Das bestätigte nur seinen Verdacht und machte ihn fast schon zu einer Tatsache. Er hatte ja versucht, diesen Gedanken zu verdrängen und zu glauben, dass seine Tochter sich nicht in der Gewalt eines so schrecklichen Feindes befand, dass ihre Welt nicht kurz vor ihrer völligen Vernichtung stand. Auch die anderen - die Feldherren, die Soldaten, ja vielleicht auch das Volk - hatten das getan, um die Hoffnung nicht zu verlieren. Doch allen, nicht nur Myrachon, war klar, dass sie sich so nicht gegen die harte Wirklichkeit schützen konnten.
    »Ganz Eurer Meinung«, stimmte ihm Damarius besänftigend zu. »Außerdem werden wir auf dem Schlachtfeld die Wahrheit herausfinden, und dieser Zeitpunkt ist nun nicht mehr fern. Doch in unserer Unterhaltung ist ein Punkt nicht ganz geklärt worden und der interessiert mich im Moment viel mehr:Wer unter uns hat noch der Finsternis ins Auge geblickt?«
    »Das war ich«, sagte eine Stimme mit einem ungewöhnlichen Akzent.
    Sie kam von Theresian. Er saß aufrecht auf seinem Rappen mit prächtig glänzendem Fell und schaute sie mit einem beinahe herausfordernden Lächeln an.
    Damarius musterte ihn misstrauisch. »Dich habe ich noch nie in unseren Reihen gesehen«, sagte er schließlich.
    »Theresian aus Vilianna, sehr erfreut.« Theresian deutete im Sattel eine leichte Verbeugung an. »Wenn man sich einander vorgestellt hat, sollte man den anderen nicht mehr so feindselig ansehen. Aber ich kann Euch durchaus verstehen, wenn Ihr mir nicht glauben wollt. Doch ich habe auch nicht gelogen. Ich habe tatsächlich der Finsternis gegenübergestanden und sie mit eigenen Augen gesehen.« Hier flatterte er mit seinen Lidern, als wolle er so auf seine auffälligen schwarzen Augen unter den buschigen Brauen hinweisen. »Es überrascht mich allerdings nicht, dass Ihr
mich nicht in Euren Reihen gesehen habt. Schließlich bin ich da auch nie gewesen.«
    »Wie soll das denn gehen?«, fragte nun Elenis, der Theresian ebenfalls misstrauisch beäugte.
    »Ganz einfach«, sagte Theresian immer noch lächelnd. »Ich habe nicht gegen die Finsternis gekämpft. Ich kämpfte auf Seiten der Finsternis.«
    »Theresian, ich hoffe, Ihr habt euch einen Scherz erlaubt.« Sire Myrachon warf dem Admiral einen sehr ernsten Blick zu. »Das hoffe ich wirklich.«
    »Tut mir leid, doch da hofft Ihr vergebens«, sagte Theresian und senkte entschuldigend seinen Kopf.
     
    Sire Myrachon hatte eine allgemeine Rast befohlen und die Feldherren und Truppenführer befanden sich nun alle in dem Zelt, in dem der König sich auszuruhen pflegte. Es bot Raum für mehr als dreißig Männer, doch im Moment schien es noch zu klein zu sein. Denn rund um Theresian hatte sich ein großer freier Kreis gebildet; ganz offensichtlich wollte ihm niemand zu nahekommen. Acht hochgerüstete Männer standen um ihn herum, und obwohl sie ihn mit ihren bloßen Schwertern bedrohten, lag immer noch ein Lächeln auf seinen Lippen. »Was ich gesagt habe, ist die reine Wahrheit. Das ist allerdings noch lange kein Grund, daraus eine Staatsaffäre zu machen. Das alles ist schließlich so lange her. Ich hatte es schon fast vergessen. Warum tut Ihr das nicht auch?« Dabei lachte Theresian sogar ein wenig.
    »Also, wirklich nicht!«, rief Sire Myrachon empört aus. »Theresian, Ihr habt mich in zwiefacher Hinsicht belogen! Ihr habt Euch für einen Verbündeten des Ewigen Königreichs

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