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Gesammelte Gedichte: 1954 - 2006

Gesammelte Gedichte: 1954 - 2006

Titel: Gesammelte Gedichte: 1954 - 2006 Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Robert Gernhardt
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Vaterhaus
    und schnitt der Mutter 's Herze raus.
    Dann eilte er zum bösen Mann,
    »Jetzt fängt mein wahres Leben an!«
    Jedoch – oweh – er stolperte!
    Das Herz zu Boden holperte
    und frug, im Fallen noch: »Sag an!
    »Mein Sohn, hast du dir weh getan?«
    PS
    Die Quelle der eben gelesenen Zeilen
    beeile ich mich, Ihnen mitzuteilen.
    Sie findet sich in einem Brief an die Lieben,
    er wurde von Al-Zarqawi geschrieben.
    Der hat, wir sind in den neunziger Jahren,
    das Los der jordanischen Kerker erfahren,
    von wo er die Mutter und die sonstigen Seinen
    beschwor, sie müßten nicht um ihn weinen.
    Er wüßte, wo 's langgeht. In den letzten zehn Jahren
    haben wir, wo 's mit ihm langging, erfahren.
    Er saß den Knast ab. Er wurde entlassen.
    Al Quaida half ihm, wieder Fuß zu fassen.
    Rasch stieg er auf. Er zählt auf den Listen
    des Terrornetzes zu den Topterroristen
    und predigt seither im Irak seinen Mannen:
    »Los, sprengt die verdammten Schiiten von dannen!«
    Was die denn auch tun. Zumal auf den Märkten.
    Nachdem sie sich erst mit Koranversen stärkten,
    schnürn sie den Gurt, dynamitgeladen,
    und gehn unters Vok. Dort kommen zu Schaden
    zunächst einmal sie, weil Zünder nicht scherzen,
    sodann alle die mit verwundbaren Herzen.
    Die Mutter zum Beispiel, vom Sprengstoff zerschlagen.
    Desgleichen der Sohn. Verbleiben zwei Fragen:
    Hat der Mutter liebendes Herz noch erfahren,
    wie stark wohl die Schmerzen des Sohnes waren?
    Sowie die:
    Was will uns die triste Geschichte lehren?
    Sie kann unsre Kenntnis vom Menschenherz mehren.
    Man weiß nie…
    Merkverse
    Wort und Widerwort
    Die Erinnerung, sagt man,
    lastet.
    Die Erinnerung, heißt es,
    bedrückt.
    Die Erinnerung, liest man,
    zu tilgen,
    sei noch keinem, hört man,
    geglückt.
    Die Erinnerung, sage ich,
    schwindet.
    Die Erinnerdings, weiß ich,
    vergeht.
    Die Erdingsbumsda, schreib ich,
    derbröselt.
    Die, was war da noch? schwör ich,
    verweht.
    Woran ich glaube
    Ich glaube nicht an Dankbarkeit,
    ich glaube an den Neid.
    An Mitleid? Nein. Wer daran glaubt,
    der tut mir ehrlich leid.
    Ich glaube nicht ans Ideal,
    ich glaube an Interessen.
    Ans Gute? Ja. Wer gut pariert,
    soll auch was Gutes essen.
    Ich glaube nicht an einen Gott,
    ich glaube an den Zweifel.
    Du nicht? Weh dir! Den Zweifler holt
    unzweifelhaft der Teufel.
    Ist doch so
    Erfolg tut gut.
    Was leider meint:
    Der Mißerfolg tut schlecht.
    (Als Trost sei rasch hinzugefügt:
    Mag sein, daß dich Erfolg belügt -
    dein Mißerfolg ist echt.)
    Vom Künstler
    Menschen mangelt es oft am Respekt vorm
    Künstler.
    Sie glauben fälschlich, der einzige Zweck der
    Künstler
    Sei es, den Menschen durch Werke der Kunst zu helfen. Die
    Künstler
    Seien für die Menschen da. Welch Irrtum! Die
    Menschen
    sind für die Künstler da. In einer Welt voller
    Menschen
    habens die Künstler nicht leicht. Sie brauchen die
    Menschen
    Wie der Büffel den hilfreichen Madenhacker. Die
    Tiere
    benötigen hin und wieder die Dienste anderer
    Tiere,
    welche sie von noch kleineren Tieren befrein. Diese
    Tiere
    Tun, was Menschen Menschen antun sollten im Dienste
    der Künstler: Sie fernhalten.
    Als er in der Dresdner Gemäldegalerie
das Bild »Heilige Nacht« von
Correggio betrachtete
    Die Maler, sie malen, was wir uns zu denken nicht wagen.
    Der Maler Correggio zum Beispiel, er malt
    eine »Heilige Nacht« samt blitzjungen Engeln,
    die diesen Vorgang von oben betrachten.
    So wandert der Blick von Mutter und Kind
    wie von selbst in die linke obere Ecke
    und landet zwischen gespreizten Schenkeln.
    Einer der Engel nämlich, von hinten
    gesehn, ist dabei, jenes Tüchleins
    verlustig zu gehen, das ihn bis jetzt deckte.
    Nun aber spreizbeinig in rascher Bewegung
    rutscht all der Stoff – ach, es fehlte nicht viel,
    und wir blickten in beide, in Piloch und Poloch.
    Ging noch mal gut. Der Maler war schneller.
    Pobacke, Pofalte, mehr zu sehn ist nicht,
    da sein Pinsel es bremste, das rutschende Tuch.
    Freilich nur auf dem Bild. Im Kopf
    rutscht es weiter, fällt – flatsch! – auf die Krippe,
    von der die Madonna benommen aufschaut.
    Geradewegs in das Dunkel der Blößen
    des Engels, der weheklagend verschwindet,
    zur Freude Marias, zu unserm Bedauern.
    Wir hätten ja gerne noch mehr und noch länger,
    angefeuert von Correggios »coraggio« -
    und das meint schlicht: Mut – uns im Dunkel verloren.
    Doch alles zu malen, wagen sie denn doch nicht, die Maler.
    Vom Schönen, Guten, Wahren
    Das Schöne an Alten Meistern,
    sind die vielen

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