Gesammelte Werke 6
Idee.
»Mit ausgefahr’nen Knien!«, rief ich. »Das Lied!«
»Es hockt ein kleiner Grashüpfer mit ausgefahr’nen Knien …«, sang Stella.
»Ja«, sagte Drosd, ohne sich umzusehen. »Das kenne ich: Und alle Gäste krabbeln flink mit ausgefahr’nen Knien«, stimmte er mit ein.
»Warte mal, warte«, bat ich. Mich überkam die Inspiration. »Er flucht und rauft und randaliert, kennt keine Diszi plin, drum schafft man ihn gleich aufs Revier – mit aus gefahr’nen Knien.«
»Nicht schlecht«, befand Stella.
»Verstehst du?«, fragte ich. »Noch ein paar Strophen und zum Schluss immer der Refrain: … mit ausgefahr’nen Knien. Trinkt mehr, als er vertragen kann, macht sich an jedes Mädchen ran … Irgendwas in der Art.«
»Betrinkt sich bis zum Gehtnichtmehr«, begann Stella. »Und landet im Jasmin. Steigt kleinen Mädchen hinterher mit ausgefahr’nen Knien.«
»Genial!«, rief ich. »Schreib es auf. Ist er wirklich kleinen Mädchen nachgestiegen?«
»Ja, ist er.«
»Großartig!«, sagte ich. »Jetzt noch eine Strophe.«
»Macht sich an jedes Mädchen ran mit ausgefahr’nen Knien«, sagte Stella nachdenklich. »Die erste Zeile fehlt noch.«
»Verrenkt sich wie ein Hampelmann«, schlug ich vor. »Und ist ein richt’ger Liederjan.«
»Ein Saufkumpan und Schlendrian«, dichtete Stella. »Und stinkt schon meilenweit nach …«
»Tran«, ergänzte Drosd. »Stimmt genau. Da habt ihr direkt eine künstlerische Wahrheit verfasst. Er hat sich auch früher nicht sehr oft gewaschen.«
»Vielleicht hängen wir die zweite Zeile gleich dran?«, schlug Stella vor. »Knien – Kien – Kamin.«
»Wien«, sagte ich. »Medizin.«
»Bespien«, warf Drosd ein. »Ruin.«
Wieder schwiegen wir lange, sahen einander mit abwesenden Blicken an und bewegten stumm die Lippen. Drosd klopfte mit dem Pinsel an den Rand der Wassertasse.
»Benimmt sich wie ein Haustyrann«, sagte ich schließlich, »und alle fürchten ihn. Macht sich an jedes Mädchen ran mit ausgefahr’nen Knien.«
»Haustyrann passt aber nicht«, wandte Stella ein.
»Dann: Verrenkt sich wie ein Hampelmann.«
»Das hatten wir schon.«
»Wo? Ach ja, tatsächlich.«
»Wie ein Klabautermann«, schlug Drosd vor.
Da hörten wir ein leises Kratzen und drehten uns um. Die Tür zu Janus Poluektowitschs Labor öffnete sich langsam.
»Guckt mal!«, rief Drosd erstaunt und stand, den Pinsel in der Hand, stocksteif da.
Durch den Spalt schlüpfte ein kleiner grüner Papagei mit hellrotem Schopf.
»Ein Papagei!«, rief Drosd. »Ein Papagei! Put, put, put, put …« Er machte mit den Fingern eine Bewegung, als krümele er Brot auf den Fußboden. Der Papagei sah uns mit einem Auge an. Dann riss er den schwarzen Schnabel auf, der genauso krumm war wie Romans Nase, und schrie heiser: »Rreaktorr! Rreaktorr! Durrchhalten!«
»Ist der süß!«, rief Stella. »Sanja, fang ihn ein!«
Drosd machte einen Schritt auf den Papagei zu, blieb dann aber stehen. »Der beißt bestimmt«, argwöhnte er. »Guck dir mal den Schnabel an.«
Der Papagei stieß sich vom Boden ab, schlug mit den Flügeln und flatterte ungeschickt im Zimmer umher. Erstaunt sah ich ihm nach. Er hatte große Ähnlichkeit mit dem Papagei von gestern und hätte glatt sein Zwillingsbruder sein können. Hier wimmelt es ja nur so von Papageien, dachte ich.
Drosd schwenkte abwehrend seinen Pinsel. »Der fliegt einem noch gegen den Kopf«, befürchtete er.
Der Papagei ließ sich auf dem Balken der Laborwaage nieder, wippte, um das Gleichgewicht zu halten, hin und her und rief laut und deutlich: »Prroxima Centaurri! Rrubidium!«
Dann plusterte er sich auf, zog den Kopf ein und schloss die Augen. Mir schien, als ob er zitterte. Stella zauberte rasch ein Brot mit Mus, knipste die Kruste ab und hielt sie ihm vor den Schnabel. Der Papagei reagierte nicht. Er hatte solchen Schüttelfrost, dass die Waagschalen klirrten.
»Ich glaube, er ist krank«, sagte Drosd. Zerstreut nahm er Stella das Musbrot aus der Hand und kaute selbst darauf herum.
»Kinder«, wunderte ich mich. »Hat es früher auch schon Papageien im Institut gegeben?«
Stella schüttelte den Kopf. Drosd zuckte die Achseln.
»Das sind mir in letzter Zeit ein bisschen viele Papageien«, sagte ich. »Gestern war nämlich auch …«
»Wahrscheinlich experimentiert Janus mit Papageien«, vermutete Stella. »Antigravitation oder etwas in der Art …«
Da ging die Tür auf, und Roman Oira-Oira, Vitka Kornejew, Edik Amperjan und Wolodja Potschkin
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