Geschichte des Westens
Abkehr von der parlamentarischen Demokratie billigend in Kauf und konnte sich daher von einer Mitverantwortung für den Übergang zum Präsidialsystem nicht freisprechen. Die Sozialdemokraten hätten den Zerfall der Großen Koalition Ende März 1930 verhindern können – freilich nur um den Preis einer Parteikrise und wohl auch nur auf kurze Zeit, denn länger als bis zum Herbst 1930 hätte das Regierungsbündnis, nachdem sein wichtigstes Ziel, die Verabschiedung der Young-Gesetze, erreicht war, schwerlich zusammengehalten. Dennoch wäre es richtig gewesen, wenn die SPD die Brücke betreten hätte, die Brüning schlug. Denn es war ein bitterer Vorwurf, den sich die Sozialdemokratie nun selber machen mußte: Sie hatte im entscheidenden Augenblick nicht alles getan, was in ihren Kräften stand, um die parlamentarische Demokratie zu bewahren und einen Rückfall in den Obrigkeitsstaat zu verhindern.[ 25 ]
Sozialismus in
einem
Lande:
Die Sowjetunion unter Stalin 1924–1933
Während die kapitalistischen Länder des Westens seit 1929 in den Sog einer weltweiten Wirtschaftskrise gerieten, widmete sich die Sowjetunion dem, was Stalin den «Aufbau des Sozialismus in
einem
Lande» nannte. «Es besteht kein Zweifel, daß unsere Aufgabe von Grund auserleichtert würde, wenn uns der Sieg des Sozialismus im Westen zu Hilfe käme», erklärte der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Rußlands am 9. Juni 1925 in der Moskauer Swerdlow-Universität. «Aber erstens wird der Sieg des Sozialismus nicht so schnell ‹zustande gebracht›, wie wir das wünschen, und zweitens lassen sich die Schwierigkeiten überwinden, und wir überwinden sie bekanntlich schon.»
Unter irreführender Berufung auf Lenin behauptete er, daß schon dieser 1915, während des imperialistischen Krieges, auf «die Frage des Aufbaus des Sozialismus in
einem
Lande» eine grundsätzlich bejahende Antwort gegeben habe. Tatsächlich hatte Lenin in seinem Aufsatz «Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa» den «Sieg des Sozialismus zunächst in wenigen kapitalistischen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande» nur dann für möglich erklärt, wenn es diesem gelingen würde, die unterdrückten Klassen der anderen Länder auf seine Seite zu ziehen und bei ihnen «den Aufstand gegen die Kapitalisten (zu) entfachen und im Notfall sogar mit Waffengewalt gegen die Ausbeuterklassen und ihre Staaten» vorzugehen.
Lenin hatte sich 1922 mit Stalin überworfen, ihn als «zu grob» charakterisiert und in einem Zusatz zu seinem Testament vom 4. Januar 1923 der Partei seine Abberufung als Generalsekretär vorgeschlagen. Der Mann, ohne den es die russische Oktoberrevolution von 1917 und die Sowjetunion nicht gegeben hätte, war kein «Liberaler» geworden, als er seine Partei aufforderte, nach seinem, Lenins, Tod, Stalin durch einen Mann zu ersetzen, der «geduldiger, loyaler, höflicher, aufmerksamer gegen die Genossen und weniger launisch» sei als der amtierende Generalsekretär. Der Staat der Bolschewiki war schon zu Lenins Lebzeiten und durch niemanden mehr als durch ihn selbst zu einer Parteidiktatur geworden, in der innerparteiliche Opposition gegen die Mehrheit des Politbüros nur noch in gewissen Grenzen möglich war. Aber das kommunistische Regime war noch nicht das, was Lenin mit seiner Warnung vor Stalin verhindern wollte: die Herrschaft
eines
Mannes, ausgeübt durch einen ihm blind ergebenen Funktionärskörper im Partei- und Sicherheitsapparat – eines Mannes, der alle Andersdenkenden mit letzter, das heißt im Zweifelsfall tödlicher Konsequenz verfolgte.
Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili, genannt Stalin («der Stählerne»), 1879 als Sohn eines vormals leibeigenen Flickschusters imgeorgischen Gori geboren, war 1898 in die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands eingetreten und im Jahr darauf wegen seiner politischen Aktivitäten, vor allem als Organisator von Streiks, aus dem Priesterseminar, an dem er ausgebildet wurde, ausgeschlossen worden. Seit 1904 hatte er sich, aus der sibirischen Verbannung entflohen, als Gefolgsmann der Bolschewiki im revolutionären Untergrund des Kaukasus betätigt, was politische Morde, Entführungen, Gefangenenbefreiungen, Schutzgelderpressung, Waffen- und Bankraub sowie Überfälle auf Geldtransporte zum Wohl der Parteifinanzen einschloß. Nach dem Sieg der Bolschewiki wurde er Volkskommissar für die Arbeiter- und Bauerninspektion, im Bürgerkrieg politischer Kommissar bei der Roten
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