Geschichte des Westens
Rekonstruktion, in der die Produktivkräfte über den Vorkriegsrahmen hinauswuchsen, aber auch die dem Kapitalismus entgegenstehenden Kräfte anwuchsen.
Bucharin nannte in diesem Zusammenhang die großen wirtschaftlichen Fortschritte in der Sowjetunion, die Entwicklung der chinesischen Revolution und die Gärungen in Indien. Die Widersprüche des Kapitalismus entwickelten sich in der schärfsten Form und gleichzeitig würde die Kriegsgefahr immer stärker. Darauf müsse sich die Komintern einstellen. «Und wenn die Stunde nahen wird, da die Kriegsfahnendes Imperialismus sich erheben, wird unsere Kommunistische Internationale, werden alle unsere Parteien und die ungezählten Massen der Werktätigen der ganzen Welt ihr gewichtiges Wort sprechen. Dieses Wort wird die Losung des Bürgerkrieges sein, die Losung des Kampfes gegen den Imperialismus auf Leben und Tod, ein Siegesruf der Kommunistischen Internationale.»
Die Beschlüsse des Sechsten Weltkongresses lagen ganz auf der von Stalin gewünschten Linie. In einer Resolution über die internationale Lage und die Aufgabe der Kommunistischen Internationale hieß es, die Spitzen des Staates und der Unternehmerverbände befänden sich in einem «Prozeß des Verwachsens» mit den Spitzen der sozialdemokratisch geführten Arbeiterorganisationen. «Dieser Prozeß der Verbürgerlichung der Spitzen der Arbeiterbürokratie wird von der Sozialdemokratie bewußt unterstützt und gefördert … Die Sozialdemokratie hat während der ganzen verflossenen Periode als bürgerliche ‹Arbeiterpartei› die Rolle der letzten Reserve der Bourgeoisie gespielt … Die Ideologie der Klassenzusammenarbeit, die die offizielle Ideologie der Sozialdemokratie ist, hat viele Berührungspunkte mit der Ideologie des Faschismus. Keime der faschistischen Methoden, die gegen die revolutionäre Arbeiterbewegung angewendet werden, finden sich in der Praxis vieler sozialdemokratischer Parteien, sowie auch in der Praxis der reformistischen Gewerkschaftsbürokratie.»
Die These von der ideologischen Nähe von Faschismus und Sozialdemokratie war nicht neu. Schon im Januar 1924 hatte Sinowjew die Sozialdemokratie einen «faschistischen Flügel» genannt; Stalin war im September 1924 mit der Behauptung gefolgt, Sozialdemokratie und Faschismus seien «keine Antipoden, sondern Zwillingsbrüder». Im Sommer 1928 gab es für Stalin neben dem Flügelkampf in der KPdSU auch noch einen außenpolitischen Grund für eine Kampfansage an die Reformisten. Mit der Bildung der Großen Koalition unter Hermann Müller in Berlin war die westlichste und am stärksten profranzösische deutsche Partei an die Regierung gelangt: die SPD. Jedes Zusammengehen Deutschlands und Frankreichs sah Stalin als gefährlich an, weil Frankreich aus seiner Sicht noch immer die antibolschewistische Macht schlechthin war. Auf Großbritannien konnte Moskau auch keine Hoffnungen mehr setzen, seit Gewerkschaften und Labour Party nach dem Scheitern des Generalstreiks vom Mai 1926 deutlich nach «rechts» gerückt waren. Wenn der Sechste Weltkongreß der KommunistischenInternationale die Gefahr eines «imperialistischen Krieges» gegen die Sowjetunion beschwor, war das allerdings kein Ausdruck einer ernsthaften Analyse der internationalen Situation, sondern ergab sich aus einem strategischen Kalkül: Die kommunistischen Parteien in aller Welt mußten auf ein Feindbild eingeschworen werden, das dem Kampf gegen die «Rechte» in der Führungspartei der Komintern entsprach.
Die kommunistische Partei, auf die es dabei vor allem ankam, war die deutsche. Sie war die mitglieder- und wählerstärkste aller Mitgliedsparteien der Komintern außerhalb der Sowjetunion. In den Jahren nach 1924 hatten sich die kommunistischen Parteien «bolschewisieren», das heißt ideologisch, politisch und organisatorisch am Vorbild der KPdSU ausrichten müssen. Dazu gehörte der Ausbau von illegalen Zersetzungs- und Militärapparaten, die im Untergrund zu arbeiten hatten und zentral von Moskau aus gesteuert wurden. Mit den praktischen Ergebnissen der «Bolschewisierung» war das EKKI aber selten zufrieden, auch im Fall der KPD nicht. Erst mußten «rechte», nach dem Bruch zwischen Stalin und der Gruppe Sinowjew-Kamenew dann «linke» und im Zeichen der ultralinken Wende in der Sowjetunion schließlich wieder «rechte» Abweichungen von der Generallinie bekämpft werden. Im Oktober 1928 erzwang Stalin die Wiedereinsetzung von Ernst Thälmann, der wegen der Verwicklung in
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