Geschichte des Westens
eine innerparteiliche Unterschlagungsaffäre kurz zuvor vom ZK der KPD abgesetzt worden war, in das (seit 1925 ausgeübte) Amt des Parteivorsitzenden. Unter Thälmanns Führung schritt die Stalinisierung der KPD weiter voran: Seit 1929 führte keine kommunistische Partei den Kampf gegen den «Sozialfaschismus», das heißt die Sozialdemokratie, so verbissen und haßerfüllt wie die deutsche.
Dem Mann an der Spitze der Kommunistischen Internationale half das Einlenken auf die neue ultralinke Generallinie nicht mehr lange: Bucharin beging den doppelten Fehler, sich mit dem «linken» Kamenew gegen Stalin zu verbünden und den Generalsekretär der KPdSU in verdeckter Form öffentlich zu kritisieren, womit er ungewollt die eigene Entmachtung vorantrieb. Im Juli 1929 wurde er als Generalsekretär des EKKI von Dimitri Manuilski, einem Stalin bedingungslos ergebenen Funktionär, abgelöst. Kurz zuvor bereits hatte einer der wichtigsten beiden Kampfgefährten Bucharins sein Amt verloren: Anfang Juni trat N. M. Schwernik die Nachfolge Tomskis als Vorsitzender dessowjetischen Gewerkschaftsbundes an. Als letzter der rechten «Troika» mußte Rykow weichen: Im Januar 1930 übernahm an seiner Stelle Wjatscheslaw Molotow den Vorsitz im Rat der Volkskommissare. Bucharin und Tomski wurden im November 1929 aus dem Politbüro ausgeschlossen, Rykow Ende 1930. Rykow und Tomski gestanden auf dem 16. Parteitag im Sommer 1930 ihre «Irrtümer» ein, Bucharin übte auf der 17. Parteikonferenz im Februar 1932 «Selbstkritik». Eine Gefahr für Stalin ging von ihnen, fürs erste jedenfalls, nicht mehr aus.
Ende 1929 schien Stalins Machtposition völlig unangefochten. Seine Rivalen hatte er einen nach dem anderen entmachtet. Am 21. Dezember 1929 ließ er seinen 50. Geburtstag in einer Weise feiern, die diesen Tag zu einem frühen Höhepunkt des «Personenkults» machte. Überall in der Sowjetunion wurde Stalin als «woshd», als «Führer», als der «Lenin unserer Tage» gewürdigt. Auf den öffentlichen Plätzen sah man seine Statuen, in öffentlichen Sälen seine Büsten; große Plakate zeigten in allen Städten und vielen Dörfern sein Bild – gleichrangig neben dem Lenins, der nach seinem Tod zu
der
großen Kultfigur des Sowjetstaates aufgestiegen war. Der Bruch mit den «Rechten» hatte Stalins Position im Politbüro weiter gefestigt. Er konnte sich nunmehr verstärkt seinem großen Ziel widmen: der Überwindung der Neuen Ökonomischen Politik durch eine zweite Revolution, die die erste, die Leninsche, an Radikalität noch übertreffen sollte.
Die Vorgaben der großen Transformation waren im Ersten Fünfjahresplan zusammengefaßt. Nach dem Entwurf, den die Staatliche Plankommission auf der Grundlage des entsprechenden Beschlusses des 15. Parteitags vom Dezember 1927 im März 1929 vorlegte, sollte die industrielle Bruttoproduktion innerhalb von fünf Jahren um mindestens 135 Prozent, bei besonders günstigen Voraussetzungen, etwa fünf guten Erntejahren, sogar um 180 Prozent gesteigert werden. Die politische Führung beschloß jedoch, die optimistische Variante zur verbindlichen Zielgröße des Industrialisierungsprogramms zu erheben, und in dieser Form wurde der Erste Fünfjahresplan im Mai 1929 vom Fünften Sowjetkongreß beschlossen. Im Sommer 1929 folgte die Ankündigung, das Gesamtprojekt bereits innerhalb von vier Jahren zu verwirklichen. Gleichzeitig wurden in einzelnen Zweigen der Schwerindustrie die Sollziffern nochmals angehoben, wodurch sich der Schwerpunkt der Industriepolitik weiter von den Konsumgütern zu den Investitionsgütern verschob. Als die unterstellten günstigen Voraussetzungenauf dem Agrarmarkt nicht eintraten, wurde der Plan nicht etwa revidiert, sondern der Druck auf die Produzenten erhöht: Die Steigerung der Repression erschien den Beteiligten als Unterpfand der Planerfüllung.
Auf dem Plenum des Zentralkomitees im Juli 1928 hatte Stalin seine neue Agrar- und Industriepolitik noch nicht gegen die Gruppe Bucharin-Tomski-Rykow durchsetzen können. Seit dem Winter 1928/29 nahm der Kampf gegen die Kulaken und für die Kollektivierung der Landwirtschaft eine neue Qualität an. Dem Widerstand der Großbauern, der sich immer wieder in lokalen Aufständen und Widersetzlichkeiten bis hin zur Ermordung von Regierungsbeauftragten äußerte, setzte der Staats-, Sicherheits- und Parteiapparat äußerste Härte entgegen. Die Behörden beschlagnahmten Getreide, die Bauern antworteten mit der Vernichtung von
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