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Geschichte des Westens

Geschichte des Westens

Titel: Geschichte des Westens Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Heinrich August Winkler
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«Archipel GULag» ab. Deportierte der zweiten Kategorie von Kulaken mußten sich, meist ohne Proviant und Werkzeug, in unbewohnten Gegenden Sibiriens, die der Bodenverbesserung bedurften, niederlassen. Die für sie vorgesehenen Wohnungen wurden in den seltensten Fällen gebaut. Wenn die zwangsweise umgesiedelten Bauern in die Nähe einer Großbaustelle transportiert wurden, bestand zumindest die Möglichkeit der Unterbringung in primitiven Baracken.
    Zu Beginn des Jahres 1934 waren mehr als eine halbe Million Menschen, darunter auch Kinder, in sowjetischen Konzentrationslagern inhaftiert; bis 1935 stieg die Zahl auf fast 790.000. Dazu kamen knapp 280.000 Häftlinge in Arbeitserziehungslagern für Gefangene mit Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren und über 160.000 Gefängnisinsassen, die meisten von ihnen Bauern. Die Zahl der Menschen, die infolge von Deportationen im Zuge der Entkulakisierung zwischen 1930 und 1932 ihr Leben verloren, schätzt der französische Historiker Nicolas Werth auf 300.000.
    Die Gesamtzahl der hingerichteten Kulaken ist unbekannt. Nach Angaben der GPU wurden 1930 allein von den sondergerichtlichen Instanzen der politischen Polizei 20.200 Menschen zum Tode verurteilt. Ein Geheimbericht vom 15. Februar 1930 kam auf 65.000 Liquidationen. Die Opfer waren freilich nicht nur Kulaken, sondern auch andere «sozial fremde Elemente» wie Polizisten des alten Regimes, «weiße Offiziere», Popen, Nonnen, Bauern mit Handwerksbetrieb, ehemalige Händler und Angehörige der «dörflichen Intelligenz». An der mittleren Wolga, in der Ukraine und im Kaukasus wurden rebellierende Bauern von Einheiten der Roten Armee mit Artillerie und Giftgas bekämpft. Mehrere zehntausend Menschen kamen 1930 bei solchen Massakern im Kaukasus ums Leben.
    Eine unmittelbare Folge der Kollektivierung der Landwirtschaft war die große Hungersnot von 1932/33. Die Ernteerträge waren seit 1928, vor allem infolge der brutalen Eingriffe des Regimes und des Widerstands dagegen, drastisch zurückgegangen. Verschärft wurdeder Mangel an Nahrungsmitteln durch den Getreideexport ins «kapitalistische» Ausland (1933 waren es 18 Millionen Doppelzentner Weizen). An dieser Ausfuhrpolitik hielt die sowjetische Führung konsequent auch während der Zeit des größten Hungers fest – unter anderem, um Devisen zu bekommen, die für die Mechanisierung der Landwirtschaft, obenan den Kauf von Traktoren, benötigt wurden.
    Vom Hunger betroffen waren vor allem die vom Staat ausgeraubten Bauern der reicheren Agrargebiete wie der Ukraine und des nördlichen Kaukasus. Aus einigen dieser Regionen meldeten 1933 sowohl die GPU wie ausländische Diplomaten Fälle von Kannibalismus. Mit Lebensmitteln versorgt wurde, so gut es ging, die proletarische Bevölkerung der Städte, die noch immer den Hauptrückhalt der Bolschewiki bildete. Wenn Bauern in die Städte flüchteten, half ihnen das nicht. Im Dezember 1932 führte das Regime die sogenannten «internen Pässe» wieder ein, die es schon einmal, in der Ära Stolypin im Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg, gegeben hatte. Die Kolchosbauern erhielten keine Pässe, sondern blieben an ihre Scholle gebunden. Wer in den Städten keinen «internen Paß» besaß, wurde ausgewiesen. Allein in Moskau waren 1933 über 300.000 Menschen von solchen Maßnahmen betroffen.
    Die Hungersnot war nicht, wie das gelegentlich in der westlichen, nach 1991 auch in der ukrainischen Geschichtsschreibung behauptet wurde, ein bewußt eingesetztes Mittel, mit dem Stalin den Widerstandswillen der Bauern brechen und den ukrainischen Nationalismus vernichten wollte. Sie war vielmehr eine billigend in Kauf genommene Folge der Kollektivierung der Landwirtschaft und der forcierten Industrialisierung, die sich ohne Zwangsarbeit ehemaliger Bauern nicht durchführen ließ. Die Zahl der Opfer der großen Hungersnot von 1932/33 schätzt Werth auf mehr als 6 Millionen Menschen. Davon entfielen 4 Millionen auf die Ukraine, das Gebiet mit der größten Kulakendichte. Dazu kamen eine Million Tote in Kasachstan, die meisten von ihnen Nomaden, die man durch Beschlagnahmung ihres Viehbestandes zur Seßhaftigkeit gezwungen hatte, und nochmals eine Million Tote im nördlichen Kaukasus und in den Schwarzerdegebieten.
    Die Art und Weise, wie die Kollektivierung durchgeführt wurde, hat der sowjetischen Landwirtschaft nachhaltigen Schaden zugefügt. 1933 lag der Umfang der Getreideernte um 5 Millionen Tonnen unterdem Stand von 1928. Es verging ein

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