Glaube der Lüge: Ein Inspector-Lynley-Roman (German Edition)
Darf ich Platz nehmen?« Ohne auf eine Antwort zu warten, ging sie zu einem Sessel, stellte ihre Tasche daneben auf den Boden und ließ sich in die Polster sinken. Sie fuhr mit der Hand über den kostbaren Bezugsstoff. Verflixt und zugenäht – sollte das etwa Seide sein? Offensichtlich kaufte Vivienne Tully ihr Mobiliar nicht bei IKEA .
»Ich sagte ja bereits, dass ich einen Termin …«
»Dass Sie einen Termin mit jemand von Foxtons haben. Schon kapiert. Keine Sorge, das kann ich mir schon noch merken. Wahrscheinlich wäre es Ihnen ganz lieb, wenn ich wieder weg bin, bevor Ihr Immobilienfritze hier aufkreuzt, richtig?«
Vivienne war nicht dumm. Sie wusste, dass sie Barbara ein paar Informationen würde bieten müssen, damit sie sich verdrückte. Sie setzte sich auf ein kleines Sofa. »Ich habe eine Zeitlang bei Fairclough Industries gearbeitet, wie Sie bereits erwähnten. Und zwar als Bernard Faircloughs Chefsekretärin. Es war meine erste Arbeitsstelle nach meinem Abschluss an der London School of Economics. Nach ein paar Jahren habe ich die Stelle gewechselt.«
»Jemand wie Sie ist auf dem Arbeitsmarkt ziemlich umtriebig, das ist mir klar«, sagte Barbara. »Aber nach Ihrer Zeit bei Fairclough Industries und einem kurzem Intermezzo als freiberufliche Wirtschaftsberaterin haben Sie bei dieser Gartenbaufirma angefangen und sind bis heute dort geblieben.«
»Na und? Ich wollte die Sicherheit eines festen Arbeitsplatzes, und die hat Precision Gardening mir geboten. Ich bin in der Firma aufgestiegen, ich war die richtige Person am richtigen Ort zu einer Zeit, als Chancengleichheit großgeschrieben wurde. Als Geschäftsführerin habe ich dort jedoch auch nicht sofort angefangen, Sergeant.«
»Aber den Kontakt zu Fairclough haben Sie immer beibehalten.«
»Ich reiße keine Brücken hinter mir ab. Kontakte zu halten hat sich für mich als nützlich erwiesen. Bernard hat mich gebeten, im Aufsichtsrat der Fairclough Stiftung mitzuwirken. Warum hätte ich das ablehnen sollen?«
»Wie ist er denn auf die Idee gekommen?«
»Wie meinen Sie das? Das ist doch nichts Schlimmes. Er hat mich gefragt, und ich habe Ja gesagt. Es geht schließlich um eine gute Sache.«
»Und er hat Sie gefragt, weil …«
»Ich nehme an, meine Arbeit in Barrow hat ihn davon überzeugt, dass ich auch in anderen Positionen zu gebrauchen war. Als ich damals bei Fairclough Industries aufgehört habe …«
»Warum eigentlich?«
»Warum ich dort aufgehört habe?«
»Bei Fairclough Industries hätten Sie doch auch Karriere machen können.«
»Waren Sie schon mal länger in Barrow, Sergeant Havers? Nein? Also, mir hat es dort nicht gefallen. Und als sich mir dann die Gelegenheit bot, nach London zurückzukommen, habe ich nicht lange gezögert. So läuft das eben. Auf eine Position, wie sie mir dort angeboten wurde, hätte ich in Barrow Jahre warten müssen, selbst wenn es mich gereizt hätte, dort zu bleiben, was nicht der Fall war, glauben Sie mir.«
»Und jetzt leben Sie in Lord Faircloughs Wohnung.«
Vivienne änderte ihre Haltung ein wenig und richtete sich noch mehr auf, sofern das möglich war. »Was auch immer Sie glauben mögen, es entspricht nicht den Tatsachen.«
»Diese Wohnung gehört also nicht Fairclough? Warum hat er dann einen Schlüssel? Ich dachte, er kommt ab und zu vorbei, um sich zu vergewissern, dass Sie die Hütte in Ordnung halten. Wie Vermieter das halt so machen.«
»Was hat das alles mit Ian Cresswell zu tun, der ja angeblich der Grund Ihres Besuchs ist?«
»Das weiß ich noch nicht so genau«, antwortete Barbara leichthin. »Wollen Sie mir vielleicht die Sache mit dem Schlüssel erklären? Vor allem, wenn Fairclough die Hütte nicht mal gehört, wie ich angenommen hatte. Schöne Wohnung übrigens. Muss Sie ’ne Stange Geld gekostet haben. So was hütet man doch wie seinen Augapfel, oder? Und Sie werden ja sicherlich Ihre Wohnungsschlüssel nicht wahllos verteilen, sondern sie nur Personen Ihres Vertrauens überlassen, nicht wahr?«
»Das geht Sie wirklich nichts an.«
»Wo übernachtet unser guter Bernard dann, wenn er in London ist? Ich habe im Twins Club nachgefragt, aber die haben keine Übernachtungsgäste. Außer der alten Schachtel, die den Türdienst macht, lassen die keine Frau über die Türschwelle, die nicht in Begleitung eines männlichen Clubmitglieds erscheint. Ich habe gehört, dass Sie dort am Arm von Lord Fairclough ein und aus gehen. Mittagessen, Abendessen, Cocktails. Anschließend fahren
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