Glencoe - Historischer Roman
wünschte, es würde dem Vater Schulterklopfer seiner Kameraden eintragen, und es hatte das tiefrote Haar der MacDonalds von Glencoe. Als Ceana Atem holte, spürte sie ihn mit einem Mal wieder: den Schmerz, der scharf und rasselnd mit ihr Luft einsog.
Gormal tauchte ein Leintuch ins nicht angewärmte Wasser und klatschte das Kind recht derb damit ab. Es brüllte umso wilder, rot vor Zorn, nicht im Mindesten erschrocken. Ein Prachtkerl. Es gab erst Ruhe, als Gormal es in ein trockenes Tuch geschlungen und ihm auf dieselbe Art wie Ben einen Finger in den Mund geschoben hatte. »Ein mächtiger Brocken, Sarah«, sagte Gormal. »Du hast deine Sache gut gemacht undwarst sehr tapfer. Trotzdem gehörst du gescholten, weil du niemandem etwas gesagt hast.«
»Ich habe es Sandy Og gesagt«, erwiderte die Campbell so kühl und ruhig, als hätte sie nicht eben eine Geburt durchgestanden. »Und ich muss Sandy Og einen Boten nach Ballindalloch schicken.«
»Das ist nicht nötig. Das Kind ist ja …«
»Gib es mir, Gormal«, fuhr ihr die Campbell ins Wort. »Das Kind ist recht so, wie es ist. Es ist meines, es geht niemanden an.«
Ohne zu zögern, reichte Gormal ihr das Kind, das sogleich wieder brüllte. Die Campbell nahm es an die Brust. Sie stellte sich ungeschickt an, sodass der gierige Mund die Warze nicht zu fassen bekam und sich in Rage schrie, aber Gormal raffte schon ihre Sachen zusammen und wies Ceana an, mit ihr die Hütte zu verlassen. Als sie im Freien standen, nahm das Geschrei ein Ende, und die Nacht war klar und totenstill. Der Uralte war nirgends mehr zu sehen.
»Was ist mit dem Kind?«, fragte Ceana. Es war ihre letzte Hoffnung: dass Gormal an dem schönen Kind einen Makel entdeckt hatte, dass es binnen Tagen sterben würde, weshalb man Sandy Og nichts sagen durfte.
»Gar nichts«, antwortete Gormal, die hinüber zu Sorchas Hütte blickte. »Was meinst du denn?«
»Warum soll Sandy Og kein Bote gesandt werden?«
»Ach«, sprach Gormal vor sich hin und sah zu, wie ihr Knecht aus der Tür trat. »Die Sarah treibt ja gern Gewese um sich, aber in Zeiten des Krieges, wo ein Bote leicht überfallen wird, macht man um ein Mädchen doch nicht solchen Wind.«
Der MacIain hatte ein frisches safrangelbes Hemd angezogen, ein Halstuch umgeknotet und betrachtete sich im Spiegel, waser nicht häufig, aber gern tat. Er hatte Kopfschmerzen. Eine Nacht mit zu viel Wein und Lebenswasser war schuld daran, zu rasch hinuntergestürzt und gleich den Becher wieder aufgefüllt. Zu viel Aufwand für den Anlass, doch wer wollte es ihm verbieten? Trotz der pochenden Schläfen war der MacIain an diesem Morgen, an dem er sich anschickte, sein neuntes Enkelkind zu begrüßen, glücklich, wie er es in frühen Jahren oft gewesen war, als jeder Tag noch jung, jeder Sommer endlos und er selbst unsterblich schien.
Morag hatte gesagt, er brauche nicht zur Sarah zu gehen, weil das Kind, das sie ihnen verschwiegen hatte, schließlich nur ein Mädchen war. Der MacIain aber hatte beschlossen zu tun, wonach ihm zumute war. Es war gut, wenn in so bedrückenden Zeiten Kinder geboren wurden, auch wenn sie das falsche Geschlecht hatten, und wo ein gesundes Mädchen zur Welt kam, konnte bald schon ein gesunder Knabe folgen.
Außerdem mochte der MacIain die Sarah. Er zupfte sich das mit Wasser geglättete Haar zurecht, grinste seinem Spiegelbild zu und ging. Er mochte Frauen überhaupt gern, und an Sarah hatte er vom ersten Tag an einen Narren gefressen. Er hatte etwas in ihr erkannt, das nur ein Mann wahrnimmt, der sich auf Frauen versteht – etwas, das andere Frauen gegen sie aufbrachte. Es tat wohl, in einer Zeit, in der die Sorgen ihn nie losließen, aus einem freudigen Anlass zu einer bezaubernden Frau zu gehen, im Korb ein Fläschchen Süßwein, den er selbst gewürzt hatte, und ein paar fette Scheiben Blutwurst, die Morag ihm knurrend eingepackt hatte.
Er klopfte an ihre Tür. Statt ihn hereinzurufen, tat sie ihm auf. Sie war bleich und erschreckend mager, sie hätte liegen sollen, war aber vollständig angekleidet, trug das Haar aufgesteckt und das Neugeborene im Tuch. Nur ein dichter Schopf schaute aus der Wolle, ein roter Schopf, und der MacIain verspürte einen Druck in der Kehle, weil es ebenso ausgesehen hatte, als Morag mit Gormal und dann mit John und zuletzt mitSandy Og im Tuch gegangen war. »Guten Morgen, Schwiegertochter.«
»Guten Morgen, Vater MacIain.« Sie trat zur Seite und ließ ihn ein. Offenbar hatte sie am Fenster
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