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Größenwahn

Größenwahn

Titel: Größenwahn Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karl Bleibtreu
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wie dessen, der dies gewaltige Drama geschaffen: Dem Weltdichter des Weltwehs, dem Bräutigam der Schönheit, Lord Byron, das letzte Wort zu lassen, die Klage um aller Menschengröße Vergänglichkeit. Und die Gestalt, halb als Vision gedacht, nebelumflort, sprach also:
     
    Noch klebt Schaum und Tang des Meeres,
    Dem entstieg dies Wasserwunder,
    An dem bröckelnden Gewande.
    Marmorsäulen, Palastgiebel
    Rings verächtlich niederschauen,
    Wie herabgekommene Prinzen,
    Vornehm ruhig auf das Lärmen
    Dieser neuen Pöbelwelt.
    Ueber allem webt sich farbig
    Ein geheimnißvoller Schleier.
    Den Rialto neubeleben
    Bunte Maskenkarnevale
    Schauender Erinnerung.
    Schnitzerei des Buccentoro –
    Die gehörnte Dogenmütze
    Auf dem weißen Martyrhaupte
    Foscari's und Falieri's
    Und des blinden Dandolo –
    Scharlachseidene Talare
    Der geheimen Tribunale –
    Alle Perlen der Kornaro
    In dem Goldhaar schöner Damen,
    Wie sie Tizian conterfeit –
    Alles wirbelt hier zusammen
    In ein Bachanal der Sinne,
    Feiert eine Dogenhochzeit
    Mit dem Meer der Phantasie.
     
    O Venedig, stolze Greisin,
    Greisin in zersetztem Purpur,
    Steige her zu meiner Gondel
    Nieder von den Marmostufen,
    Die der Flügellen bewacht!
    Wie die letzten Senatoren
    Grollend einst hinabgeschritten
    Aus dem Saal der letzten Sitzung
    Bei dem Fall der Republik!
    Also fahre mit mir, fahre
    Weit hinweg mit Deinem Freunde,
    Weit hinweg aus dieser neuen
    Jämmerlichen Welt der Prosa!
    Horch, die alten Glocken klagen
    Droben von dem Kampanile:
    Für Venedig und die Dichter
    Hat die Erde nicht mehr Raum!
     
    Langanhaltender Beifall, wiederholtes donnerndes Bravo bestätigte, als der Vorhang fiel, den tiefen und nachhaltigen Eindruck der Dichtung. Das war einmal etwas ganz Neues, etwas, was noch nicht von den alten Tragikern vorweggenommen. Das war das politische Drama, die Historie großen Stils, das realistische Hohelied der Weltgeschichte.
    »Krastinik! Graf Krastinik!« schrie es aus allen Logen, von allen Gallerieen. Der tobende Beifall nach den ersten Akten hatte das Erscheinen des vielbegehrten Dichters vor der Rampe nicht erzwingen können. Jetzt aber nach Ende der Vorstellung mußte er doch dem brausenden Hervorruf folgen. Der Director stürzte aus seiner Loge, um selbst hinter Coulissen den Beglückten herauszuholen. Allein nach längerer Pause meldete er persönlich mit verlegenem Gesicht dem ungeduldigen Publikum, daß der Dichter sich bereits entfernt habe. Er danke also im Namen des genialen Verfassers für die herzliche Aufnahme.
    So war denn ein neuer großer Dichter aus der Taufe gehoben. Sämmtliche Theaterkritiker stürzten in wildem Pêle-Mêle zu ihren Droschken, um sofort auf der Nacht-Redaction die denkwürdige Thatsache für den Morgentisch Berlins zu serviren. Allen voran als der Findigste rasselte der Referent des »Börsencourier« in seiner vorher bestellten Droschke I. Güte, der einzige Gutmüthige nebenbei, der mit wirklichem Wohlwollen auf etwas Gelungenes hinwies.
     

II.
     
    Ja, wo war Krastinik? Auch er hatte sich in einen Wagen geworfen und saß nun einsam brütend vor seiner Lampe. Von Leonhard hatte er nichts gehört, da verabredetermaßen, um keinen Verdacht zu erregen, dieser sich ihm fernhielt. Gewiß war er mit im Theater gewesen. Der Glückliche! – Wahrhaftig, der Graf hatte eine Ritterthat auf sich genommen, schwerer und bitterer als manches Martyrium. Sein Stolz litt unbeschreiblich. Hundertmal hätte er hinausstürzen mögen vor die Lampen, um dies vielköpfige Gemengsel von Seide, Patchouli und Pomade anzubrüllen: »Ihr Elenden, ihr Narren! Daß Keiner von Euch ahnt, nur Einer könne das geschrieben haben, der unbekannte Gott, den Ihr nicht kennt! Nicht der Graf , den Ihr so innig bejubelt, ist euer Idol, sondern der verlästerte niedergetretene Anti-Streber, den ihr beschimpft, ohne ihn zu kennen!«
    Aber auch der alte Sauerteig der menschlichen Selbstsucht gährte mächtig auf – das eigene Dichterthum des tapferen Mannes, der sich hochherzig dazu überwunden, dem Größeren als Fußschemel zu dienen, fühlte tiefer und tiefer den Stachel verwundeter Eitelkeit.
    Man mochte ja seine selbstlose Absicht anerkennen, – – aber etwas vom Raben, dem man die Pfauenfedern nimmt, blieb gewiß an ihm haften. Ein Beigeschmack von Neid, den er mühsam unterdrückte, mischte sich der Anwandlung unwilliger Scham und Scheu vor dem Gespötte der Welt .....
    Auch am andern Tage erwartete er Leonhart vergeblich. Er ließ sich verleugnen,

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