Grün war die Hoffnung
das war es, was er seit dreißig Jahren, und zwar aus demselben zunehmend überholten Lehrbuch, einer Abfolge von unbeeindruckten Gesichtern einzutrichtern versuchte, seit mindestens dreißig Jahren. Meine neue zehnte Klasse, ja? sagte er vielleicht beim Abendessen, immer noch in seinem braunen Cordjackett mit den Lederflecken an den Ellenbogen, die immer glänzten wie geölt, außerdem war er in der ganzen Siedlung von über zweihundertfünfzig Eigenheimen der einzige Vater mit Schnurrbart. Die erinnern mich eher an die Westgoten als an die alten Griechen. Nicht wie zu deiner Zeit, Marco – was fünf Jahre da für einen Unterschied machen. Ihr damals wart ja Akademiker dagegen! brüllte er dann, als meinte er das ernst, und dann lachte er. Schallend.
»Wir sind ursprünglich Iren. Mein Nachname ist Connell. Jeder denkt natürlich, es hieße Mark O’Connell, aber mein Alter war ein kleiner Scherzkeks. Außerdem dachte er wohl, daß ich mal in die Ferne schweife.«
»Echt? Und, warst du schon mal im Ausland?«
Marco legte die Schaufel weg, um mit der Spitzhacke einen Feldstein zu lockern. »Eigentlich nicht.«
Damit war Alfredo beim Thema Reisen, und die Städtenamen quollen ihm nur so über die Lippen, wie Fusseln aus einem Wäschetrockner, und er gab sich nicht mit Ein-Zentner-Käselaiben in Wisconsin zufrieden – es mußten schon London, Paris, Berlin, Rom, Venedig, Florenz sein. Er hatte mal Kunstgeschichte studiert, ob Marco das überhaupt wisse? Yeah, und damals war er mit dem Skizzenblock quer durch Europa getrampt, vom Louvre übers Rijksmuseum bis zum Prado. Nur so sollte man das angehen, also in jeder Stadt rund einen Monat bleiben, einfach in irgendeiner Pension oder Jugendherberge unterkommen – Leute lernte man in den Cafés kennen. Dope gab’s auf der Straße, und wenn die Cafés zumachten, kaufte man sich das pane oder baguette direkt beim Bäcker, der gerade öffnete. So redete Alfredo eine volle Viertelstunde, ohne auch nur Luft zu holen.
Irgendwann, in einer Lücke zwischen Amsterdam und der Place de la Concorde, mischten sich die Krähen ein, ein jaulender Schrei drang aus den Bäumen, als die glänzendschwarzen Vögel auf eine Eule hinabstürzten, die sie an ihrem Schlafplatz aufgestöbert hatten. »Dafür rächen sich die Eulen dann in der Nacht, wenn die hilflos sind, wußtest du das?« bemerkte Marco, froh über die Gelegenheit zum Themenwechsel. »Darum geht’s ja immer nur. Ums Überleben. Und stell dir mal vor – stell dir vor, es gäbe noch eine andere Affenspezies hier, die uns herausfordern würde, und da denke ich nicht an Gorillas oder Schimpansen oder so, sondern an andere Humanoide.«
Alfredo hatte dazu offenbar nichts zu sagen – er glaubte an universale Harmonie und Bruderschaft, vegetarische Ernährung, Frieden, Liebe und Verständnis. Er wollte nichts über den Krieg zwischen Krähen und Eulen wissen, geschweige denn von feindlichen Affen oder der Angewohnheit der Krähen, die Nester von kleineren Vögeln – Sperlingen, Finken und Junkos – zu plündern, um ihre Jungen zu verspeisen. Das hatte nichts mit der Welt zu tun, in der er lebte. »Finster«, das sagte er schließlich. Finster .
Sie gingen wieder an die Arbeit, bis die Alltagsgeräusche von Drop City langsam wieder auflebten: ein Meckern der Ziegen, die gemolken oder gefüttert werden wollten, das durchdringende Bellen eines Hundes, der wohl über den eigenen Hunger staunte, das regelmäßige Schlagen der Fliegengittertür gegen die Hauswand – und über allem lag, wie der Soundtrack bei einem Film, das dumpfe Wimmern von Rockmusik. »Hör zu, ich finde es echt gut, daß du das hier machst«, sagte Alfredo bei einer Pause, in der er den Rücken streckte. Auf seiner Haut klebten feine Schmutzpartikel in einem dichten Pelz aus Schweiß. »Daß du die Initiative ergreifst, meine ich. Ich weiß, du bist erst zwei Wochen oder so bei uns, aber das ist ein echter Trip, Mann, wirklich, das ist es – so was bräuchten wir öfter hier.«
»Klar doch«, sagte Marco, »kein Problem«, und seine Schaufel setzte keinen Moment lang aus. Es fühlte sich gut an, etwas zu tun, sich in etwas reinzuknien, bis ihm nichts mehr den Verstand verstellte. Herumhängen war ja ganz nett. Bis zu einem gewissen Punkt. Im Baumhaus entspannt mit einem Buch liegen war auch nett. Und Dope. Und Frauen. Und Musik. Aber gerade jetzt, in diesem Graben, unter dieser Sonne, war es der Sog des Körperlichen, um den es ihm ging, nur
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