Grün war die Hoffnung
nicht nur verbal, sondern auch an körperlichen Reizen.
»Also«, sagte sie und grinste ihn an, »das klingt genau richtig. Ich meine, gefüllte Eier, Kaviar, Trüffel und solches Zeug hätte mir jeder Dahergelaufene hinknallen können, aber wenn ich schon fürs Frühstück drei Stunden lang paddeln muß, dann erwarte ich mindestens die Super-Spezial-Pfannkuchen. Mit – wie sagtest du doch gleich? – Elchwurst ?«
Er antwortete nicht, denn er vollführte gerade ein komplexes Manöver mit einer gußeisernen Pfanne, die so schwarz war, als wäre sie soeben exhumiert worden. Man hörte das Geräusch von knisterndem heißem Fett, und auf einmal war der gesamte Raum erfüllt von dem Geruch danach, außerdem voller Qualm. Er pikste die Würste mit einer langen Gabel an, tanzte um die Kaffeekanne herum und wendete die etwas harten dunkelgrauen Pfannkuchen lässig aus dem Handgelenk. »Du solltest eine Toque aufhaben«, sagte sie, worauf er fragte: »Eine Toque? Was soll denn das sein?«
Sie aßen draußen in der Sonne an einem Picknicktisch, den er aus Schwarzfichtenholz gezimmert und so lange gebeizt hatte, bis er farblich an altes Leder erinnerte, und sie nutzten dabei sein gesamtes Geschirrarsenal: zwei Blechteller und zwei Blechtassen. In der Mitte des Tischs, in einer leeren Büchse, stand ein Sträußchen Wildblumen, die er gepflückt hatte, als sie noch schlief, und das berührte sie, der Aufwand, den er für sie trieb, und das liebenswerte Wesen, das daraus sprach. Er goß ihr Kaffee ein und löffelte Heidelbeeren aus einem Glas. »Weißt du, was wohl das Beste am Leben hier draußen sein muß?« sagte sie und wischte ihren Teller blank. »Abgesehen von der Schönheit der Natur, meine ich?«
Er zuckte grinsend die Achseln und versuchte, nicht allzu selbstzufrieden zu wirken. »Erzähl’s mir«, sagte er.
»Die Sicherheit. Du mußt dich doch hier unglaublich sicher fühlen, oder?«
»Klar, solange ich keine Notfalloperationen durchführen muß. Einen Blinddarm rausnehmen zum Beispiel. Meinen eigenen. Oder auch deinen.«
»Selbst ist der Chirurg, was?« sagte sie, und beide lachten.
»Oder zahnärztliche Sachen. Stell dir vor, du mußt dir hier selbst einen Zahn ziehen!«
Sie schwiegen und malten sich diesen speziellen Schrecken aus, dann sagte sie: »Wenn du mir meine ziehst, zieh ich dir deine«, und schon lachten sie wieder. Es war ein Gelächter, das länger andauerte, und als er immer noch kichernd aufstand, um die Teller abzukratzen und zu spülen, bat sie ihn, sitzen zu bleiben und sie das erledigen zu lassen, denn sie sei schon genug verwöhnt worden – wirklich genug. Was glaube er denn, daß er sie von früh bis spät bedienen müsse? »Nein, was ich meinte«, sagte sie, während sie das Geschirr in einem Bottich mit Wasser versenkte, das er auf dem Herd heiß gemacht hatte, »das ist die Sorte Sicherheit, die man in der Stadt nie spürt, jedenfalls hab ich sie nie gespürt. Das war am Ende so schlimm, daß ich nachts nicht mehr rausgegangen bin, jedenfalls nicht allein.«
Er war ihr nach drinnen gefolgt und saß jetzt auf der Bettkante, drehte sich eine Zigarette und sah ihr zu, wie sie sich zwischen seinen Sachen bewegte. »Stimmt schon«, sagte er, »klar, da hast du recht. Als Frau muß man da wohl besonders aufpassen ...«
»Als Mann genauso. Die Gesellschaft geht total vor die Hunde, ständig Morde, Drogen unter Schulkindern, Hippies. Ich kenne einen aus dem Büro, der abends immer noch mit dem Hund rausgegangen ist, nichts weiter, nur mit dem Hund vor die Tür. Und weißt du, was dem passiert ist?«
Sess zündete sich die Zigarette an. »Jemand hat ihn überfallen?«
»Allerdings. Zwei Typen mit Messern, Langhaarige, und denen hat es nicht etwa gereicht, ihm die Brieftasche zu klauen – nein, sie haben ihm das Messer in die Nase geschoben und das Nasenloch aufgeschlitzt, und das solltest du mal sehen, das ist eine bleibende Entstellung, so wie eine Tätowierung oder so. Und dann der Hund. Er hatte so ein süßes kleines Cocker-Pudel-Mischlingsweibchen – Berenice hat sie geheißen –, und das versuchte ihn zu beschützen, also fielen sie über den Hund her und traten zu, immer wieder, bis praktisch nichts mehr von ihm übrig war. Das meine ich. Das ist aus der Gesellschaft geworden.«
Er war vom Bett aufgestanden, und jetzt spürte sie seine Nähe auf eine Weise, die ihr eine Gänsehaut versetzte: sein Atem, der Tabakduft, seine Hand behutsam auf ihrer Schulter, seine rauhe
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