Grün war die Hoffnung
Unterarm zu heben und den Schlag abzulenken. Im nächsten Moment fielen sie übereinanderher, rollten über den Fußboden, wobei kleinere Schäden am Geschirr und an einem der wackligen Holzstühle entstanden, ehe man sie wieder trennen konnte. Bosky stieß ein paar ekelhafte Kommentare aus – er brüllte, stinkwütend im Griff von drei Männern: Drohungen, Anschuldigungen und Prophezeiungen, und immerhin gab es hier oben keinen Gesetzeshüter, es sei denn, man ließ den Sheriff aus Fairbanks einfliegen, damit er sich die Leiche ansah –, die Sess ebenso lautstark erwiderte. Er hatte diese Seite seines Charakters – Fluchen und so – eigentlich vor Pamela nicht zeigen wollen, aber von allen Menschen dieser Welt war Joe Bosky derjenige, der ihn wirklich zum Überkochen bringen konnte.
Draußen auf dem Parkplatz, als die Moskitos in Massen auf sie losstürzten und sie rasch in den Pickup stiegen, um den knappen Kilometer zu der Hütte am Fluß zu fahren, wo das Kanu sie erwartete, wirkte Pamela etwas durcheinander, und das tat ihm leid, ja wirklich. »Worum ging es denn jetzt?« fragte sie. »Dieser Kerl – ich meine, ich hab ja schon etliche Typen mit Buschkoller gesehen, aber der kann einem echt angst machen.«
Sess saß auf dem Fahrersitz, unter ihm erwachte der Wagen ratternd zum Leben, und er starrte einen Moment lang nur aus dem Fenster. Was mit dieser Welt nicht stimmte, hieß Joe Bosky. Vor Typen wie Joe Bosky rannten die Leute nach Alaska davon. Und dann stand Joe Bosky, kalt und poliert wie Metall und frisch angeliefert vom U.S. Marine Corps, ausgerechnet hier am Ende der allerletzten Straße der Vereinigten Staaten, wo er sich mit der ganzen Welt anlegte. Sess atmete schwer und war sauer, obwohl er das nicht wollte. »Du kennst nicht mal die Hälfte der Geschichte«, sagte er.
Und dann waren sie auf dem Yukon River, das sechseinhalb Meter lange Grumman-Frachtboot bis ans Dollbord beladen, die tiefe Zehn-Uhr-Sonne flackerte auf den wabernden Schatten des Treibguts, und er war wieder ruhig, in seinem Element, weg von der Straße, weg von der Kneipe und in der Umarmung der Landschaft. Er betrachtete Pamelas Schultern beim Durchziehen des Paddels, studierte ihren dichten Zopf, die wunderschönen Konturen ihrer Rückenmuskulatur und den beneidenswerten Platz auf der Bank, auf der sie saß. Die Vögel waren da, die Fichten reihten sich als Phalanx am Ufer entlang und kletterten die Hügel hinauf wie eine kaiserliche Armee, nackte Steilhänge, eine Million Klafter Treibholz als Verhau am Flußrand, die noch darauf warteten, was das Wasser mit ihnen vorhatte. Ein leichter Wind kam auf und vertrieb die Moskitos. Sie sahen Elche im flachen Wasser stehen, eine Schwarzbärin mit zwei Jungen, die am weiter entfernten Ufer die Böschung hinaufrasten wie aus der Kanone geschossen. Sie sprachen gedämpft. Meist schwiegen sie, und das Land sprach für sie. Und dann sagte sie etwas, und er antwortete etwas, und das war so natürlich für ihn, als redete er mit sich selbst.
Es war gegen Mitternacht, die Sonne schwebte dicht über dem Horizont, als sie in die Mündung des Thirtymile River einbogen und das Blockhaus in Sicht kam. Die fünf Hunde hatten sie schon bemerkt und winselten lautstark, selbst aus der Ferne sahen sie den Staub zu ihren Füßen aufsteigen, und aus dem urtümlichen Gebell wurde ein Wolfsgeheul der Begrüßung. »Hörst du das?« fragte Sess und legte sich noch stärker ins Zeug. »Das ist dein Empfangskomitee.«
Sie grinste ihn über die Schulter an. »Ach, wirklich? Und was sagen sie zu mir?«
»Pa-me-la, wir liiiiieben dich!«
Darauf lachte sie. »Bist du sicher, daß sie nicht sagen: ›Hier sind wir, und jetzt füüüüüüttere uns gefälligst!‹?«
»Na ja, Pamela«, sagte er und zwinkerte ihr zu, weil er sich leicht wie ein Vogel fühlte, der gleich aus dem Kanu abheben und mit einem wilden Schütteln seines Gefieders über die Wasserfläche dahinstieben könnte, »um ehrlich zu sein – und ich werde ehrlich zu dir sein, immer, ob das hier jetzt nur übers Wochenende dauert oder bis du eine bucklige alte Lady bist und ich ein alter Mann –, ich glaube, du liegst da nicht total falsch.« Er ließ das Paddel sinken und wölbte die Handfläche hinter dem Ohr. »Genau. Wenn ich mich jetzt konzentriere, könnte es sein, daß ich auch eine Spur von Hungergeheul heraushöre – aber das ist Bobo, der mit der jaulenden zweiten Altstimme da drüben, der hat immer Hunger. Also sei ihm nicht
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