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Grün war die Hoffnung

Grün war die Hoffnung

Titel: Grün war die Hoffnung Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: T.C. Boyle
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zwei dünne Omeletts, die sie nur mit Pfeffer und Salz würzte. Dann schnitt sie vier Scheiben Brot ab, strich auf zwei davon ihre selbstgemachte scharfe Sauce, belegte sie mit dem ersten Omelett, klappte sie zusammen und schenkte einen Becher Kaffee ein. »Francisco, wenn du kurz Zeit hast«, sagte sie, und auch darin lag keinerlei Ironie, denn hier auf der Farm ging alles ohne Eile ab, »könntest du das Bax bringen.«
    Er nickte und grinste. »Ja«, sagte er, »klar, no hay problema .« Beide kannten die unausgesprochene Botschaft: Sie benutzte Francisco als Boten, weil sie sich, wenn sie den Teller selbst hinaufgebracht hätte, Bax’ gesammelte Ratschläge, Beschwerden und Rügen hätte anhören müssen, ganz zu schweigen von der Liste zu erledigender Arbeiten, hartnäckiger Sorgen und äußerst dringlicher Angelegenheiten, die er zusammenstellte, seit er ans Bett gefesselt war.
    Für das zweite Sandwich nahm sie Ketchup (von frühester Kindheit an liebte Anise Ketchup und strich ihn auf alles – Salzcracker, Brezeln, Bananen, Gurkenstücke, ja einmal hatte sie sogar einen Schokoriegel mit Ketchup gegessen), wickelte es in Alufolie und füllte die Thermoskanne mit heißer Schokolade. Dann zog sie die Regenjacke an, setzte den Sombrero auf, den ihr Franciscos Cousin Manuel im vergangenen Jahr nach der Schur von einer ausschweifenden Woche in Tijuana mitgebracht hatte, und trat wieder hinaus in den Regen. Sie umging das Bachbett, in dem jetzt der zum Leben erwachte Scorpion River floss, und marschierte durch den Eukalyptushain zur Wiese, wo die Schafe grau und nass dastanden, so weit ihr Auge reichte, und auf dem frischen, jungen Gras aussahen wie Haufen schmutziger Lumpen. Es war wie eine Szene aus einer unvordenklichen Vergangenheit, und unwillkürlich stellte sie sich die ersten nackten Urmenschen vor, die gerade den ersten Schafbock erlegt, gekocht und gegessen hatten und nun mit dicken Bäuchen um das Feuer saßen und dachten, wie schön es doch wäre, ein solches Tier zu haben, festgebunden am nächsten Baum, so dass man Fleisch, Innereien und einen guten, wärmenden Pelz haben könnte, wann immer man wollte. Das war das erste Unternehmen, so alt wie die Stämme selbst. Und Kain erschlug Abel, weil Abel den Herden folgte, während Kain Samen in die Erde legte, und was für ein Opfer für den gierigen Gott im Himmel waren schon Kürbisse und Bohnen im Vergleich zu der Keule eines frisch geschlachteten Lamms?
    Anises Plane – feuerwehrrot oder vielmehr rotorange, eine Farbe, die es in der Natur nicht gab, jedenfalls nicht an der amerikanischen Westküste – leuchtete feucht glänzend am anderen Ende der Wiese. Rita sah die ausgestreckten Beine ihrer Tochter, die hochgezogenen Schultern, den schwarz-weißen Hund, der den Kopf auf ihren Schoß gelegt hatte, und das aufgeschlagene, gegen den Rücken des Hundes gelehnte Buch. Ihre Tochter tat, was sie immer tat, freiwillig und aus eigenem Antrieb, sie musste nicht ermahnt oder erinnert werden. Sie las, sie lernte, sie machte sich zu einem besseren Menschen. Anises Kenntnisse waren bereits so weit fortgeschritten, dass sie oder Bax ihr, abgesehen vom Gitarrespielen, nicht mehr helfen konnten, und nicht einmal der Fernunterricht mit dem monatlichen Arbeitsplan und den wöchentlichen Prüfungen konnte mit ihr Schritt halten. Sie war noch keine fünfzehn und bewältigte bereits Aufgaben, die man einem Collegestudenten im ersten Jahr hätte vorlegen können, und zwar ganz allein. Rita war jedesmal wieder erstaunt, wenn sie sah, wie ihre Tochter sich an die Arbeit machte: Die Disziplin und Entschlossenheit, die sie dabei zeigte, hatte sie selbst nie besessen, jedenfalls nicht im Zusammenhang mit Schulfächern. Sie war zu nervös gewesen, zu sehr darauf versessen, alles hinzuschmeißen, sich ins Village zu schleichen und durch die Cafés und Clubs zu ziehen, und was war dabei herausgekommen? Nichts. Ein falsches Leben und falsche Hoffnungen. Anise war anders. Anise hatte eine Zukunft. Und je länger sie sich von den Fährnissen der Welt fernhielt, desto besser.
    »Hallo, meine Butterblume«, hörte sie sich rufen. Der Regen prasselte wie der Trommelwirbel eines Spastikers, die Mutterschafe leckten ihre neugeborenen Lämmer ab, Bumper rannte durch das hohe Gras auf sie zu, und ihre Tochter hob den Kopf und sah ihr mit abwesendem Blick entgegen.
    Im nächsten Augenblick setzte Rita sich neben sie unter die Plane und hielt Anise das Sandwich hin, das diese zunächst

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