Gruppenbild mit Dame: Roman (German Edition)
abkassiert und sie laufenlassen gegen Schmuck und Bargeld – das muß ziemlich einträglich gewesen sein,
sofort kam ein neues Auto, neue Kleider, und da gabs ja nun auch billig jüdische Grundstücke zu kaufen, da mal ein Lädchen
und so, dort mal ein Bauplatz, das nennt er dann, ›ein bißchen rauh gewesen‹. Und plötzlich war er nur noch ein ganz feiner,
sauberer Herr mit gepflegten Fingernägeln, heiratete mit 34, natürlich Geld, die Tochter vom Prumtel, die Eva, wissen Sie,
so ein Mädchen, das immer Höheres im Sinn hatte; nicht übel, nur ein bißchen hysterisch; der Alte von ihr hatte so ein Büro,
wo man Teilzahlungskredite aufnehmen konnte, später noch ein paar Pfandleihanstalten – und die Tochter, nun, die las Rilke
und spielte die Flöte. Nun, die brachte auch ein paar Grundstücke mit und einen Packen Bargeld dazu. Nach 34 wurde er dann
Ehrensturmführer, hielt sich aber aus dreckigen Sachen raus, auch aus brutalen, das kann man ihm nicht nachsagen, daß er brutal
war, nur scharf auf Grundbesitz. Das Komische war, je reicher er wurde, desto menschlicher wurde er, nicht mal bei der Kristallnacht
hat er abgestaubt. Der saß nur noch in Konzertcafés rum, |249| ging in die Oper, abonniert natürlich, bekam Kinder, zwei süße Kinder, die er vergötterte, den Walter und die kleine Eva,
übernahm 36 dann endgültig die Gärtnerei, als der Heinz regelrecht am Suff verreckte, ausgemergelt, verbittert – nun, und
ich wurde Walterchens Geschäftsführer, wir fingen wegen der Parteiaufträge die Kranzbinderei an, er schenkte mir den Teil
von der Gärtnerei, der mir heute noch gehört, großzügig, muß man sagen, und nie ein böses Wort oder kleinlich. Es ging aufwärts
mit dem Laden, als der Heinz und die arme Adelheid unter der Erde waren.«
Resümee des Gesprächs unter dem Goldregenbusch: »Es gibt Leute, die meinen, es wäre sogar für einen Nazi eine Beleidigung,
den Walter einen Nazi zu nennen. Verändert hat er sich Mitte 44, als die Sache mit der Leni und dem Russen lief. Das Wohlergehen
von den beiden wurde ihm nachdrücklich ans Herz gelegt, durch Telefonanrufe, Gespräche. Die Veränderung war: er wurde nachdenklich,
der Walter. Das wußte auch er: daß der Krieg verloren war und daß es ihm nach dem Krieg keinesfalls schaden würde, wenn er
nen Russen und das Gruyten-Mädel gut behandelt hatte – aber: wie lange würde der Krieg noch dauern? Das war doch die Frage,
die uns alle verrückt machte: die letzten Monate noch überleben, wo alle Nase lang einer erhängt oder erschossen wurde, da
waren Sie weder als alter Nazi noch als Nichtnazi mehr sicher – und verflucht, wie lange dauerte das, bis die Amerikaner endlich
von Aachen her bis an den Rhein kamen, das hat doch fast ein halbes Jahr gedauert. Ich glaubte, Walterchen, der gesund und
gesetzt war und seine beiden Kinderchen abgöttisch liebte, lernte jetzt etwas kennen, was er noch nicht gekannt hatte: den
inneren Konflikt. Er wohnte da draußen in seiner Villa, hatte zwei gut gepflegte Hunde, die hübschen Kinderchen, sein Auto
und immer mehr Grundstücke. Die alten hatte er für Siedlungen und für |250| Kasernenbauten verkauft, nicht gegen bar, nein, am Bargeld lag ihm nie soviel, sein Sinn stand ganz auf Sachwerte; der hatte
sich in Grundstücken bezahlen lassen, das Doppelte, das Dreifache von dem, was er abgab, an Grundstücken ein wenig weiter
stadtauswärts. Er war nämlich ein Optimist. Der betrieb ausschweifend Körperpflege, immer noch jeden Morgen seinen Lauf durch
die Grünanlagen, seine Dusche, sein ausgiebiges Frühstück, jetzt zu Hause, und konnte immer noch oder schon wieder, wenn er
mal in die Kirche mußte, eine phantastische Kniebeugung oder eine rasche Bekreuzigung hinlegen. Da waren aber nun mal diese
Leni und dieser Boris, die hatte er gern, die waren seine besten Arbeiter, die wurden von höheren Mächten geschützt, Mächten,
die er nicht kannte – und dann waren da andere höhere Mächte am Werk, die einen sehr rasch aufknüpfen, erschießen oder in
ein KZ abschieben konnten. Nun sollen hier aber keine Mißverständnisse entstehen, nicht etwa, daß das Walterchen in sich plötzlich
diesen Fremdkörper entdeckt hätte, der einigen menschlichen Wesen als Gewissen bekannt ist, oder daß er sich plötzlich, bebend
vor Angst oder Neugierde, jenem merkwürdigen, für ihn bis auf den heutigen Tag unverständlichen Fremdwort oder Kontinent genähert
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