Gruppenbild mit Dame: Roman (German Edition)
hätte, den man hin und wieder Moral nennt. Nein. Nein. Innerlich nie, aber äußerlich hin und wieder angefochten (denn es gab
da auch Partei- oder SA-internen Ärger mit ihm und für ihn), war er zu Reichtum gelangt. Nun, er war oft in Schwierigkeiten
gewesen, in allen seinen Tätigkeiten von der Feldzeugkompanie an bis zu den prominenten Politikern, die er 33 gegen Bargeld
und Familienschmuck laufen ließ. Es hatte Anzeigen gegen ihn gegeben, vor Partei- und ordentlichen Gerichten, vor allem, als
er seine Kranz- und Schleifenverwertung dann doch übertrieb. Schwierigkeiten genug, denen er trotzte, die Stirn bot, die er
kaltblütig beiseite fegte, |251| indem er auf die nationale und ökonomische Wichtigkeit seiner Tätigkeit hinwies, als unermüdlicher Kämpfer gegen jenen nationalen
Feind, der damals ›Groschengrab‹ hieß. Schwierigkeiten ja, aber im Konflikt mit sich selbst über das, was ihm nützlich war,
war er nie. Dem waren Juden so gleichgültig wie Russen, Kommunisten, Sozialdemokraten oder sonst wer – aber wie sollte er
sich nun verhalten, wo die einen höheren Mächte gegen die anderen standen, ihm Boris und Leni außerdem noch sympathisch und
– welch ein Zusammentreffen! – sogar einträglich waren. Dem war es Wurscht, daß der Krieg verloren war, er war an Politik
so desinteressiert wie am ›Schicksalskampf des deutschen Volkes‹ – aber verdammt noch mal, wer konnte ihm sagen, wieviel Ewigkeiten
man noch im Juli 44 vom Kriegsende entfernt war? Er war überzeugt, daß es angebracht war, auf verlorenen Krieg umzubuchen,
aber wann sollte, konnte die Umbuchung endlich vorgenommen werden?«
Eine Art Zusammenfassung erscheint hier angebracht, auch ein paar Fragen, die der Leser selbst beantworten muß. Zunächst die
statistischen und äußeren Details. Wer sich Pelzer zigarrerauchend, ein wenig schmierig vorstellt, irrt. Er war (und ist)
sehr sauber, maßgeschneidert angezogen, trug und trägt ständig modische Krawatten, die sogar dem siebzigjährigen Pelzer noch
stehn. Er raucht Zigaretten, war und ist ganz und gar Herr, und wenn er hier auch einmal spuckend geschildert wird, so muß
hinzugefügt werden: er spuckt sehr selten, fast nie, und in dem hier geschilderten Fall hat sein Spucken die Funktion einer
historischen Interpunktion, möglicherweise auch die Andeutung einer Parteinahme. Er wohnt in einer Villa, die er nicht Villa
nennt. Er ist 1,83 m groß, wiegt – nach Aussagen seines Sohnes, der Arzt ist und ihn behandelt – 78 kg, hat sehr volles, ehemals
dunkles, nun |252| ganz leicht ergrautes Haar. Muß er tatsächlich als das klassische Beispiel des mens sana in corpore sano gelten? Hat er je L. 2, hat er T. und W. gekannt? Obwohl bei ihm eine fast totale Selbstgewißheit des Seins vorzuliegen scheint,
würde keines der acht im Paragraphen über L.1 angeführten Adjektive auf sein L.1 anwendbar sein, und wenn schon hin und wieder
ein Lächeln bei ihm fällig war, glich es eher dem der Mona Lisa als dem des Buddha. Nimmt man ihn als einen Menschen, der
äußere Konflikte nicht scheut, innere nicht kennt, der ohne jeden inneren Konflikt bis zum Jahre 1944 vierundvierzig Jahre
alt geworden ist, den Betrieb seines Vaters ums Fünffache erweitert hat, auch »Mist des Kleinviehs« nicht scheut, so muß man
sich klarmachen, daß er im relativ hohen Alter von vierundvierzig zum erstenmal aus der totalen Selbstgewißheit seines Seins
herausgeschleudert wurde, nur ängstlich Neuland betritt.
Nimmt man noch eine seiner hervorstechenden Eigenschaften hinzu, eine fast schon unangemessen starke Sinnlichkeit (seine Frühstücksgewohnheiten
gleichen denen Lenis aufs Haar), so kann man sich vielleicht vorstellen, in welchen Konflikt er nun ab Mitte 44 geriet. Nimmt
man als bei Pelzer hervorstechende Eigenschaft noch eine fast unangemessen hohe Vitalität hinzu, so kann man sich vorstellen,
in welchen Konflikt er nach Juli 44 geriet. Der Verf. ist da in den Besitz einer wichtigen Detailinformation gelangt, die
Pelzers Verhalten ungefähr bei Kriegsende charakterisieren mag. Am 1. März 1945, wenige Tage bevor die Amerikaner in die Stadt
einmarschierten, erklärte Pelzer schriftlich und eingeschrieben seinen Austritt aus Partei und SA, distanzierte sich von den
Verbrechen dieser Organisation, erklärte sich (die beglaubigte Abschrift des Briefes kann beim Verf. eingesehen werden) »für
einen anständigen deutschen Menschen, der
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