Gruppenbild mit Dame: Roman (German Edition)
gesamten Schmuck, sämtliches Bargeld, sogar noch einen
Scheck verlangt, nicht als Bestechung, nein, wissen Sie, wie er es ausdrückte: ›Ich verkaufe Ihnen mein Motorrad, das finden
Sie hinten am Gartentor, und ich gebe Ihnen einen Tip: fahren Sie in die Eifel rein, nicht nach Belgien oder Luxemburg, fahren
Sie dann hinter Saarbrücken bis zur Grenze und sehen Sie, daß Ihnen da einer rüberhilft. Ich bin doch kein Unmensch‹, hat
er gesagt, ›und es ist natürlich die Frage, ob Ihnen mein Motorrad so viel wert ist und ob Sies fahren können. Es ist eine
Zündapp.‹ Zum Glück war mein Mann in seiner Jugend mal ein Motorradfan gewesen, aber das – diese Jugend – war auch schon zwanzig
Jahre vorüber, und fragen Sie mich nicht, wie wir über Altenahr dann nach Prüm, von Prüm nach Trier gekommen sind, ich auf
dem Rücksitz – na, und zum Glück hatten wir in Trier Parteifreunde, die uns – nicht persönlich, sondern durch Mittelsmänner
– ins Saargebiet brachten. – Ja, wir verdanken ihm unser Leben – aber er hatte unser Leben auch in der Hand. Nein, erinnern
Sie mich nicht mehr daran, bitte, und nun gehen Sie. Nein, ich will den Namen dieses Herrn nicht wissen.«
Pelzer selbst leugnet fast nichts von all dem ab, nur unterscheidet sich seine Interpretation von der aller anderen. |256| Da er außerordentlich mitteilsam und auch mitteilungsbedürftig ist, kann der Verf. ihn jederzeit anrufen, aufsuchen, mit ihm
plaudern, solange er mag. Es muß noch einmal eindringlich ins Gedächtnis gerufen werden: Pelzer wirkt in keiner Weise obskur,
schmierig, verdächtig. Er ist durch und durch seriös: man würde ihn als Bankdirektor durchaus als angemessen finden, als Aufsichtsratsvorsitzenden
akzeptieren, und würde man ihn als pensionierten Minister vorgestellt bekommen, so würde einen höchstens wundern, daß er schon
pensioniert ist, denn er wirkt keinesfalls wie ein Siebziger, eher wie ein Vierundsechzigjähriger, dem es gelungen ist, wie
einundsechzig auszusehen.
Auf seine Tätigkeit in der Feldzeugkompanie angesprochen, wich er nicht etwa aus, leugnete auch nicht ab, gab ebensowenig
zu, verfiel nur in eine fast philosophische Interpretation: »Sehen Sie, wenn ich etwas immer und bis auf den heutigen Tag
gehaßt habe, dann ist es sinnlose Verschwendung, ich betone: sinnlos – Verschwendung selbst ist eine gute Sache, wenn sie
Sinn und Zusammenhang hat: wenn man mal einen springen läßt, mal ein großzügiges Geschenk macht oder so, aber sinnlose Verschwendung,
das kann mich aufbringen, und was die Amerikaner da mit ihren Toten trieben, fiel für mich in die Kategorie ›sinnlose Verschwendung‹
– welch ein Aufwand an Kosten, Personal, Material, um den Leichnam irgendeines Jimmy von – sagen wir Bernkastel aus, wo er
19 im Lazarett gestorben war – im Jahre 23 oder 22 nach Wisconsin zu befördern? Wozu das? Und muß da jeder Goldzahn, jeder
Trauring, jedes goldene Amulettkettchen, das sie zwischen den Resten finden, mit? Und was glauben Sie, was wir da – ein paar
Jahre früher – an Brieftaschen eingesammelt haben, nach der Schlacht an der Lys und nach Cambrai – glauben Sie denn, die Dollars
wären, wenn wir sie nicht genommen hätten, viel weiter |257| gekommen als bis zur Kompanie- oder Bataillonsschreibstube? Und außerdem: den Preis eines Motorrads bestimmt die historische
Situation und das Portemonnaie dessen, der es in dieser historischen Situation nötig hat.
Mein Gott, hab ich denn nicht bewiesen, daß ich auch großzügig sein kann? Und gegen meine Interessen handeln kann, wenn es
um menschliche Belange geht? Können Sie denn überhaupt beurteilen, wie brenzlig meine Situation ab Mitte 44 war? Ich habe
willentlich und wissentlich meine Staatsbürgerpflichten verletzt, um diesen beiden jungen Menschen ihr kurzes Glück zu ermöglichen.
Ich hab doch gesehen, wie sie ihm die Hand auflegte, hab beobachtet, wie sie später immer wieder mal für zwei, für drei, für
vier Minuten hinten im Treibhaus verschwanden, wo Torfmull, Stroh, Heidekraut und Bindegrün aller Sorten gelagert wurde –
und denken Sie, ich hätte nicht bemerkt, was die anderen offenbar tatsächlich nicht bemerkt haben, daß die beiden bei den
Fliegerangriffen manchmal ne Stunde oder zwei verschwunden waren? Und nicht nur gegen meine Staatsbürgerpflichten habe ich
verstoßen, auch gegen meine eigenen erotischen Interessen als Mann, denn das gebe ich offen
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