Gruppenbild mit Dame: Roman (German Edition)
nettes
Extrageld ein, und schließlich: wars schlimm? Was nützt es denn, und wem hilft es, wenn die Kränze da auf dem Abfallhaufen
verkommen. Aber schließlich kam es dann doch zu einer Anzeige wegen Grabschändung und Leichenfledderei, denn es waren ja auch
da Leute, die sich wunderten, wenn sie nach drei, vier Tagen wiederkamen und fanden ihren Kranz nicht mehr – aber das war
wieder nett von ihm, da hat er uns ganz draußengehalten, er ging allein zu der Verhandlung, nahm alles auf sich, hielt sogar
den Grundtsch raus, und wie ich von einem Bekannten erfuhr, hat er sehr geschickt mit diesem nationalen Popanz argumentiert,
den man ›Groschengrab‹ nannte, er hat ›gewisse Unregelmäßigkeiten‹ zugegeben, tausend Mark für ein Genesungswerk gespendet;
er hat – es war ja kein regelrechtes Gericht, sondern nur ein Innungsausschuß und später ein Parteiehrengericht –, er hat
gesagt, wie mir ein Bekannter erzählte: ›Meine Herren, Parteigenossen und Parteigenossinnen, ich kämpfte an einer Front, die
den meisten von Ihnen unbekannt ist – und an den Fronten, die viele von Ihnen besser kennen als ich, läßt man da nicht auch
einmal fünf gerade sein?‹ Nun, danach hat ers |242| eben eine Weile ganz gelassen, bis Ende 44, da war ja schon das allgemeine Durcheinander so groß, daß keiner mehr auf etwas
so Nebensächliches wie Kränze und Schleifen geachtet hat.«
7
Da die Einladungen des alten Grundtsch so herzlich wie permanent gültig waren, besuchte ihn der Verf. mehrmals hintereinander,
genoß mit ihm die wahrhaft himmlische Stille, die auf einem geschlossenen Friedhof an warmen Spätsommerabenden herrscht, und
das von Grundtsch hier wörtlich Zitierte ist das zusammengefaßte Ergebnis von etwa vier Sessionen, die alle harmonisch begannen
und alle harmonisch endeten. Es wurde während dieser Sessionen, von denen die erste auf einer Bank unter einem Holunder-,
die zweite auf einer Bank unter einem Oleander-, die dritte auf einer Bank unter einem Jasmin-, die vierte auf einer Bank
unter einem Goldregenbusch stattfanden (der alte Grundtsch liebt die Abwechslung und behauptet, noch mehr Bänke unter mehr
Büschen zur Verfügung zu haben), Tabak geraucht, Bier getrunken, manchmal wurde dem sehr entfernt und fast schon sympathisch
wirkenden Straßenlärm gelauscht.
Resümee des ersten Besuchs (unterm Holunderstrauch): »Das ist nun wirklich witzig, wenn unser Walterchen da von ökonomischen
Chancen spricht. Die hat er nämlich immer wahrgenommen, schon als Neunzehnjähriger, wo er bei einer Feldzeugkompanie im Ersten
Weltkrieg war, Feldzeugkompanien? – nun, sagen wir, die räumen Schlachtfelder auf, wenn die Schlacht vorüber ist – da gibts
nämlich eine Menge einzusammeln, das der Armee noch von Nutzen sein kann: Stahlhelme, Gewehre, Maschinengewehre, |243| Munition, Kanonen sogar, jede Feldflasche wird aufgehoben, jede verlorene Mütze, Koppel usw. – und natürlich liegen da auch
Tote rum, und Tote haben meistens was in den Taschen: Fotos, Briefe – Brieftaschen und darin manchmal Geld, und ich habs mir
von nem Kumpel von Walterchen erzählen lassen, der schreckte vor nichts zurück, nicht mal vor Goldzähnen, ganz gleich welcher
Nationalität die Goldzähne waren – und schließlich tauchten ja auch die Amerikaner damals zum erstenmal auf europäischen Schlachtfeldern
auf –, und unser Walterchen bewies zum erstenmal an Leichen das, was er selbst Geschäftssinn nennt. Natürlich war das alles
streng verboten, aber die Leute – und hoffentlich nicht Sie auch – machen ja meistens den Fehler, zu glauben, was verboten
sei, würde nicht getan. Das ist Walterchens Stärke: der macht sich nichts aus Vorschriften und Gesetzen, er sorgt nur dafür,
daß er nicht geschnappt wird. Nun, der Junge kam schon mit einem netten kleinen Vermögen aus dem Ersten Weltkrieg heim, als
Neunzehnjähriger, mit einem hübschen Paketchen Dollars, Pfunde und belgischen und französischen Franken – und mit einem hübschen
kleinen Paketchen Gold. Und seinen Geschäftssinn bewies er, indem er seinen Sinn, seine phantastische Nase für Immobilien
bewies, für bebaute und unbebaute Grundstücke, am liebsten waren ihm unbebaute, ich meine unbebaut nicht im gärtnerischen,
ich meine es im architektonischen Sinne, notfalls nahm er auch bebaute. In dieser Zeit waren die Dollars und Pfunde sehr nützlich,
und Äcker, so am Stadtrand, sehr billig, hier ein
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