Gruppenbild mit Dame: Roman (German Edition)
hereingefallen und verführt worden ist«. |253| Er muß tatsächlich ungefähr am Vorabend des Einmarschs der Amerikaner ein noch arbeitendes deutsches Postamt oder jedenfalls
einen urkundsbevollmächtigten deutschen Postbeamten aufgetrieben haben. Auch die Einschreibequittung, wenn auch durch einen
Pleitegeier verunziert, liegt vor. Als die Amerikaner einmarschierten, konnte Pelzer also wahrheitsgemäß versichern, er sei
nicht Mitglied einer Nazi-Organisation. Er bekam eine Lizenz zum Betreiben einer Gärtnerei, einer Kranzbinderei, da auch nun,
wenn auch erheblich reduziert, das Beerdigen weiterging. Pelzers Kommentar zur Unerschütterlichkeit seines Gewerbes: »Gestorben
wird immer.«
Zunächst hat er aber noch fast ein volles Kriegsjahr unter immer schwierigeren Umständen hinter sich zu bringen, und er verfiel
zunächst, wenn er um Vergünstigungen (Urlaub, Vorschuß, Lohnzulage, Extra-Blumen) gebeten wurde, in den Ausspruch: »Ich bin
doch kein Unmensch.« Dieser Ausdruck wird von allen überlebenden und auffindbaren Zeugen aus der Kranzbinderei in seiner Häufigkeit
bestätigt: »Es war ja fast schon wie eine Litanei (Hölthohne), die er da abbetete, es hatte sogar etwas Beschwörendes, als
müsse er sich selbst einreden, daß ers wirklich nicht sei, und er sagte es manchmal bei Gelegenheiten, wo es gar nicht paßte,
zum Beispiel einmal, als ich ihn nach dem Wohlergehen seiner Familie fragte, sagte er als Antwort: ›Ich bin doch kein Unmensch‹,
und einmal, als einer – ich weiß nicht mehr wer – ihn nach dem Wochentag fragte – obs Montag oder Dienstag sei, sagte er:
›Ich bin doch kein Unmensch.‹ Es wurde geradezu parodiert, und sogar Boris parodierte ihn, mit entsprechender Zurückhaltung
versteht sich, sagte zum Beispiel, wenn ich ihm einen Kranz zur Beschleifung übergab: ›Ich bin doch kein Unmensch.‹ Es war
schon psychoanalytisch interessant, was da mit Walter Pelzer vor sich ging.«
|254| Die Kremer bestätigte die litaneske Pelzersche Äußerung sowohl in ihrer Quantität wie in ihrer Qualität vollinhaltlich: »Nun,
er sagte das so oft, daß man schon gar nicht mehr hörte, es war wies ›Der Herr sei mit euch‹ oder das ›Erbarme dich unser‹
in der Kirche, später hatte er zwei Ausdrucksformen dafür ›Ich bin doch kein Unmensch‹ und ›Bin ich denn ein Unmensch?‹«.
Grundtsch (anläßlich eines späteren kurzen Besuches, der gemütliches Beisammensein unter Holder- und ähnlichen Büschen leider
nicht erlaubte): »Ja, das stimmt. Stimmt. ›Ich bin doch kein Unmensch.‹ – ›Bin ich denn ein Unmensch?‹ – das murmelte er manchmal
sogar vor sich hin, wenn er allein war. Habs oft gehört und wieder vergessen, weil es bei ihm fast so selbstverständlich wurde
wies Atmen. Nun (böses Lachen bei G.), vielleicht stießen ihm die Goldzähne ein bißchen auf und die geklauten Kränze, Schleifen,
Blumen und die Grundstückchen, die er weiterhin sammelte, auch in Kriegszeiten. Übrigens, denken Sie doch mal gelegentlich
drüber nach, wie sich so zwei, drei, vielleicht vier Hände voll Goldzähne verschiedener Nationalität – in ein zunächst reizloses
Grundstück verwandeln, heute, nach fünfzig Jahren, aber in ein Grundstück, auf dem eine sehr hohe und sehr umfangreiche Bundeswehrdienststelle
steht, die dem Walterchen hübsch Miete zahlt –«
Es konnte sogar die Spur jenes hohen Politikers der Weimarer Republik aufgenommen werden, die sich in der Schweiz wiederfand,
wo nur noch die Witwe des Herrn gefunden werden konnte. Eine alte, höchst gebrechliche Dame in einem Basler Hotel, die sich
des Vorfalls genau erinnert. »Nun, das Wichtigste ist für uns gewesen: wir verdanken ihm unser Leben. Tatsächlich. Er hat
uns das Leben gerettet – aber vergessen Sie dabei nicht, wie hoch oder tief man damals stehen mußte, um in die Lage zu |255| geraten, jemand das Leben zu schenken. Diese Seite der Vergünstigungen wird immer vergessen: wenn Göring später behauptet
hat, er habe ein paar Juden das Leben gerettet, so müssen Sie nicht vergessen: wer konnte schon jemand das Leben retten, und
was sind das für diktatorische Zustände, in denen ein Menschenleben von solch einer Gnade abhängt? Tatsächlich haben die uns
im Februar 33 bei Freunden in einer Villa in Bad Godesberg aufgetrieben, und dieser Mensch – Pelzer? Mag sein, ich habe seinen
Namen nie gewußt – hat mit der Kaltblütigkeit eines Räubers meinen
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