Herr der Moore
vor versammeltem Volk bloßzustellen, den armen Jungen zu schmähen, doch so richtig hatte es nicht funktioniert, obwohl sein Hauptziel erreicht war: Neil hatte sich in Luft aufgelöst, entführt wahrscheinlich von dem Bandagierten, und während sie nicht glaubte, Donald schlafe nun schlecht – der Alkohol, den ihm der Fremde zur Belohnung gegeben hatte, wirkte dem vehement entgegen –, rechnete sie damit, in der Gewissheit ihrer Schande selbst nie wieder ein Auge zumachen zu können.
Wieso tat ich es überhaupt? Sie wusste sich keine Antwort zu geben. Dass die Situation von Beginn an harmlos gewirkt hatte und eigentlich nie zu einem solchen Albtraum werden sollte, war eine schwache Ausrede, das wusste Tabitha. Das Schlimmste, was sie zu befürchten hatte, war, dass ihr Bruder Neil eine Zeit lang terrorisierte, bis er sich langweilte oder Grady an die Tür klopfte und verlangte, er solle sich einen anderen Prügelknaben für seine kranken Gelüste suchen.
Sie setzte sich abrupt auf und ließ die Beine über die Bettkante hängen. Der Regen prasselte gegen die Scheibe, als wolle er verhindern, wozu sie sich gerade durchrang.
Tabitha wollte sich einreden, es sei absolut nicht haltlos, Neil wohlauf zu vermuten. Grady mochte ihn gefunden haben, sodass Neil jetzt gesund in seinem warmen Bett schlummerte.
Grady war eine liebevolle, sanftmütige Person, doch am Abend hatte sie eine bisher ungekannte Seite von ihm gesehen. Ein inneres Feuer schien ihn anzustacheln – eine heikle Flamme, die auszutreten drohte, um alles in Reichweite zu verzehren, bis er besänftigt war. Seine Augen hatten Ölpfützen geglichen, bloß kalt und bedrohlich. Diesen Blick erwartete man von Tieren, die ihre Jungen verteidigten; falls er Neil noch suchte, schreckte er vor nichts zurück. Leider wusste niemand von ihnen Genaues über den Mann mit den Verbänden und seine Fähigkeiten. Konnte ein alter Mann wie Grady mit ihm verhandeln? Falls nicht, würde er es mit jemandem aufnehmen, der offensichtlich dem Irrsinn anheimgefallen war?
Sie glaubte es nicht.
Sollte sie in der Zwischenzeit in Decken gehüllt und vor Schuld zum Himmel stinkend dasitzen, um auf ein Zeichen zu warten, alles sei gut gegangen, und sie trage am Ende doch keine Verantwortung dafür, Unheil über einen Unschuldigen gebracht zu haben?
Nein, der Müßiggang würde ihr den Verstand rauben.
Sie musste es selbst herausfinden.
Entschlossen raffte sie sich auf.
Einer ihrer Füße berührte den Boden, als es an der Tür kratzte.
***
Neil rannte, während die Nacht um ihn lebendig wurde, schillernde Phantasmagorien in Silber und Schwarz. Er hüpfte mit den anderen einher, und wie seine Krallen beim Auftreten scharrten, klang es nach Trommelwirbel. Ihr Keuchen war nicht von seinem zu unterscheiden. Feuchte Erde sank ein und flog hinterrücks hoch, wo er wandelte, was ihm vorkam, als zerreiße er Fleisch, denn nach nichts sehnte er sich gerade mehr. Der Hunger war wie ein Infekt, aber nun die natürlichste Sache der Welt, auch trotz der anhaltenden Konfusion, die seinen Geist in Beschlag nahm: Er war nicht immer so gierig gewesen, hatte nie diesen Drang verspürt, sich über Gebühr zu sättigen. Die Kälte sauste wie eine Sense über ihn hinweg und sang auch genauso, als sie seine aufgesprungene Haut streifte. Er fühlte sich, als sei das schwache Fleisch hart und undurchdringlich geworden, in dem er all die Jahre sein Dasein gefristet hatte … wie eine Rüstung. Er öffnete den Mund – sein Maul – und lachte mit Wonne, bloß klang es ganz und gar nicht danach. Vorübergehend enervierte es ihn, was das schiere Machtgefühl, das ihn durchpulste, jedoch relativierte. Er lebte. Weiß Gott, so lebendig hatte er sich noch nie gefühlt. Nichts konnte ihn nun verletzen.
Dafür gab es eine Menge, das er verletzen konnte und wollte.
Die Nacht und das Unwetter waren wie ein Schleier, der sich im Wind blähte, lichtete und eine neue, fremde Welt offenbarte – eine Welt voller Opfer, die auf seine Herrschaft wartete. Er war ihr gegenüber blind gewesen und erst jetzt reif für sie. Nein, sie war reif für ihn .
Er raste weiter, benommen von der Euphorie dieses seltsamen, neuen Lebens, betrunken in Gedanken an die Folgen seiner neuen Gestalt und das darob Mögliche.
Schließlich und unvermeidbar kehrten vage wie im Nebel die Erinnerungen an sein altes Leben wider, dazu die Bilder der Menschen, die es mit ihm geteilt hatten, und er war schwer erleichtert und sah sich
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