Herr des Chaos
offensichtlichen Strafpredigt für einen verlegenen jungen Mann im Schuppenpanzer inne, der die Zügel eines Pferds mit einer an den Sattel geschnallten Lanze hielt, und grinste warm in Nynaeves Richtung. Nun, wenigstens ohne die Augenklappe wäre es ein warmes Grinsen geworden. Nynaeve verzog bloß das Gesicht, und so weitete sich sein Auge erschrocken, und er wandte sich hastig wieder dem Soldaten zu, um seine Standpauke fortzusetzen.
Es lag nicht an Uno oder seiner Augenklappe, daß es ihr sauer aufstieß. Nicht nur. Er hatte sie und Elayne nach Salidar begleitet und ihnen sogar versprochen, er würde Pferde stehlen - ausleihen nannte er das -, falls sie von hier fliehen wollten. Die Chance war allerdings vorüber. Uno trug eine Goldlitze an den Ärmelaufschlägen seines abgetragenen dunklen Rocks, denn er war Offizier und für die Ausbildung der schweren Reiterei in Gareth Brynes Heer verantwortlich. So war er nun gebunden und konnte sich gewiß nicht mehr mit Nynaeve abgeben. Nein, das stimmte auch wieder nicht. Sollte sie ihm mitteilen, daß sie abreisen wolle, würde er innerhalb weniger Stunden Pferde auftreiben und sie würde von einer Eskorte von Schienarern mit Skalplocke begleitet wegreiten. Diese Soldaten hatten Rand die Treue geschworen und befanden sich nur in Salidar, weil sie und Elayne sie hierher mitgebracht hatten. Allerdings würde sie dann zugeben müssen, sich geirrt zu haben, als sie bleiben wollte, und auch zugeben, daß sie ihn angelogen hatte, denn sie hatte ihm immer wieder versichert, sie fühle sich an Ort und Stelle ausgesprochen wohl. Das alles zuzugeben, brachte sie nicht fertig. Unos Hauptgrund, überhaupt hier auszuharren, war seine Fürsorge für sie und Elayne. Er glaubte, auf sie aufpassen zu müssen! Nein, von ihr würde er keine solchen Geständnisse zu hören bekommen!
Überhaupt war der Gedanke daran, Salidar zu verlassen, jetzt erst, durch Uno angeregt, wieder aufgetaucht, und sie grübelte nun angestrengt darüber nach. Wenn nur Thom und Juilin nicht auf Erkundung nach Amadicia ausgezogen wären. Natürlich unternahmen sie die Reise nicht aus purem Spaß daran. In der ersten Zeit, als sie noch geglaubt hatten, die Aes Sedai hier würden tatsächlich etwas unternehmen, hatten sie sich freiwillig bereit erklärt, als Kundschafter herauszufinden, was auf der anderen Seite des Flusses vor sich ging. Sie hatten geplant, bis nach Amador zu ziehen. Nun waren sie schon gut einen Monat weg und würden frühestens in einigen Tagen wieder eintreffen. Natürlich waren sie nicht die einzigen Kundschafter. Man hatte sogar Aes Sedai und Behüter ausgesandt, aber die meisten in Richtung Tarabon, also noch weiter nach Westen. Die Aes Sedai taten eben so, als würden sie tatsächlich etwas unternehmen, und die Verzögerung, bis sie mit ihren Berichten wieder eintrafen, kam ihnen als Ausrede gerade recht. Nynaeve wünschte, sie hätte die beiden Männer nicht ziehen lassen. Hätte sie nein gesagt, wäre keiner von beiden gegangen.
Thom war ein alter Gaukler, obwohl er früher einmal sehr viel höher gestanden hatte, und Juilin war ein Diebfänger aus Tear, beides kompetente Männer, die wußten, wie sie sich an fremden Orten zu verhalten hatten, und außerdem auch auf viele andere Arten gut zu gebrauchen. Auch sie hatten sie und Elayne nach Salidar geleitet, und keiner hätte es in Frage gestellt, sollte sie den Wunsch äußern, von hier wegzugehen. Zweifellos hätten sie hinter ihrem Rücken einiges zu sagen gehabt, aber ins Gesicht hätten sie ihr nichts gesagt, im Gegensatz zu Uno.
Es ärgerte sie, zugeben zu müssen, daß sie die Männer wirklich brauchte, aber sie wußte sich eben nicht so gut zu helfen, wenn es darum ging, ein Pferd zu stehlen. Außerdem würde man es bemerken, sollte sich eine Aufgenommene an den Pferden zu schaffen machen, sowohl in den Stallungen, wie auch in den Koppeln der Kavalleriepferde, und sollte sie einfach das weiße Kleid mit dem Farbsaum ablegen und etwas anderes anziehen, würde irgend jemand es bestimmt noch bemerken, bevor sie sich überhaupt den Pferden nähern konnte. Und sollte sie auch die Flucht bewerkstelligen, würde man sie verfolgen. Geflohene Aufgenommene brachte man genauso wie Novizinnen fast immer zurück und bestrafte sie so, daß sie kein zweites Mal eine Flucht versuchten. Wenn man die Ausbildung zur Aes Sedai in Angriff nahm, war man erst damit fertig, sobald sie es zuließen.
Natürlich war es nicht die Angst vor einer Bestrafung,
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