Herr des Chaos
Problematische daran, wenn man mit Aes Sedai sprach. Einen großen Teil der Zeit über war man nicht sicher, was sie meinten oder worauf sie hinauswollten.
»Habt Ihr immer noch nicht die Hoffnung aufgegeben, Siuan und Leane heilen zu können, Kind?« Lelaine nickte, als habe Nynaeve ihr geantwortet, und seufzte. »Manchmal glaube ich, Myrelle hat recht. Wir haben zuviel Geduld mit Euch. Trotz Eurer Entdeckungen sollten wir Euch vielleicht doch in Theodrins Obhut geben, bis Euer Block gegen den wunschgemäßen Gebrauch der Macht gebrochen ist. Wenn man bedenkt, was Ihr in den letzten beiden Monaten fertiggebracht habt, was könntet Ihr dann erst fertigbringen?« Nynaeve griff unbewußt wieder nach ihrem Zopf und bemühte sich, etwas einzuwerfen, einen sorgfältig formulierten Protest beispielsweise, doch Lelaine beachtete ihren Versuch überhaupt nicht. Was möglicherweise auch gut war. »Ihr tut Siuan und Leane keinen Gefallen, Kind. Laßt sie vergessen, wer und was sie waren, und gebt Euch mit dem zufrieden, wer und was sie nun sind. So, wie sie sich benehmen, seid ihr wahrscheinlich das einzige, was sie davon abhält, ihre Vergangenheit zu vergessen, Ihr und diese törichten Versuche, zu heilen, was nicht zu heilen ist. Sie sind keine Aes Sedai mehr. Warum an falschen Hoffnungen festhalten?«
In ihrer Stimme lag eine Andeutung von Leidenschaft und auch ein wenig Verachtung. Diejenigen, die nicht zu den Aes Sedai gehörten, waren eben minderwertig, und das Ablenkungsmanöver Siuans und Leanes hatte ganz bestimmt eine solche Geringschätzung geradezu eingeladen. Und dann gaben nicht wenige hier Anwesende Siuan die Schuld an den Schwierigkeiten der Burg, weil sie als Amyrlin so ungeschickt taktiert hatte. Höchstwahrscheinlich glaubten sie, die beiden hätten alles verdient, was ihnen geschehen war, und vielleicht noch mehr.
Was ihnen angetan worden war, hatte aber die ganze Lage noch sehr kompliziert. Jemand einer Dämpfung zu unterziehen war selten. Vor Siuan und Leane hatte man einhundertvierzig Jahre lang keine Frau mehr verurteilt und ihrer Fähigkeiten beraubt und seit mindestens einem Dutzend Jahren war keine mehr ausgebrannt. Nach der Dämpfung versuchte eine Frau für gewöhnlich, sich den Aes Sedai so fern zu halten wie möglich. Hätte man Lelaine einer Dämpfung überzogen, dann hätte sie zweifellos zu vergessen versucht, daß sie jemals eine Aes Sedai gewesen war. Zweifelsohne würde sie auch gern vergessen, daß Siuan und Leane jemals Aes Sedai gewesen waren, daß man ihnen all dies genommen hatte. Wenn man sie einfach als zwei Frauen betrachten konnte, die niemals mit der Macht umgehen konnten, niemals Aes Sedai waren, würden sich eine Menge Aes Sedai wohler in ihrer Haut fühlen.
»Sheriam Sedai hat mir die Erlaubnis erteilt, es zu versuchen«, sagte Nynaeve so energisch sie es einer vollwertigen Schwester gegenüber wagte. Lelaine sah ihr in die Augen, bis sie den Blick senkte. Der Knöchel ihrer Hand, die den Zopf erfaßt hielt, färbte sich weiß, bevor sie es fertigbrachte, loszulassen, aber sie bewahrte eine ruhige Miene. Zu versuchen, dem Blick einer Aes Sedai zu widerstehen, war ziemlich idiotisch für eine Aufgenommene.
»Wir benehmen uns alle irgendwann einmal töricht, Kind, doch eine weise Frau lernt, sich auch darin auf wenige Gelegenheiten zu beschränken. Da Ihr offensichtlich mit Frühstücken fertig seid, schlage ich vor, Ihr werdet diesen Krug los und sucht Euch etwas zu arbeiten, bevor Ihr statt dessen die Arme im heißen Wasser habt. Habt Ihr je daran gedacht, Euch das Haar kurz zu schneiden? Spielt keine Rolle. Fort mit Euch,«
Nynaeve knickste, aber die Aes Sedai wandte ihr bereits den Rücken zu, bevor sie den Tiefpunkt erreicht hatte. Vor Lelaines Blick sicher, funkelte sie der Frau hinterher. Ihr Haar schneiden? Sie hob ihren Zopf an und schüttelte ihn der sich entfernenden Aes Sedai hinterher. Daß sie damit gewartet hatte, bis sie sich sicher fühlte, regte sie selbst auf, aber hätte sie nicht gewartet, wäre sie jetzt ganz bestimmt auf dem Weg zu Moghedien in den Wäschereihof, höchstens mit einer Unterbrechung, um auf dem Weg bei Tiana hereinzuschauen. Sie saß nun schon monatelang untätig hier in Salidar - und wenn man es von der praktischen Seite her betrachtete, waren sie trotz allem, was sie und Elayne aus Moghedien herausgeholt hatten, eben untätig gewesen - mitten unter Aes Sedai, die nichts taten außer reden und warten, während die Welt ohne sie dem
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