Himmel über Tasmanien
die damit verbundene unausgesprochene Entschuldigung anzunehmen.
Sie saß auf der Veranda, trank ihre zweite Tasse Tee und lauschte auf den schönen Chor im Morgengrauen, während die Vögel durch die Bäume huschten und zum Fluss hinabschossen, um zu trinken. Das frühe Sonnenlicht funkelte wie Diamanten auf dem Wasser, musste jedoch noch die Schatten unter den Bäumen in der Nähe verscheuchen, weshalb Lulu sich warm angezogen hatte. Ein Hinweis auf den Nachtfrost war noch im Gras zu sehen, aber sie hatte die Kälte im Bett nicht gespürt, denn Dolly hatte sie irgendwann förmlich unter Decken begraben.
Dolly erschien auf der Türschwelle, eine Tasse mit übel aussehendem Ersatzkaffee in den Händen. Zu viel Champagner und Schokolade, verbunden mit zu wenig Schlaf, hatten dafür gesorgt, dass sie erschöpft aussah. Sie blinzelte in die Sonne. »Was macht dieses himmlische Geräusch?«
»Das sind die Krähenwürger und Elstern«, antwortete Lulu. »Herrlich, nicht wahr?«
Ehrfürchtig lauschten sie dem kräftigen, melodiösen Gesang, der durchsetzt war mit dem musikalischen »kar-wiek, wiek-kar« der Tasmanwürgekrähen und dem Gelächter eines Kookaburra ganz in ihrer Nähe.
»Stellt unsere englischen Singvögel ziemlich in den Schatten, nicht wahr?« Dolly reckte sich und gähnte. »Ich muss schon sagen, das war die grauenhafteste Nacht überhaupt, aber der Morgengesang macht es wieder wett.«
Lulu wollte schon antworten, als Motorengeräusch die Idylle trübte. Die beiden Geländewagen holperten über den Weg auf sie zu, die Hunde rannten auf den Ladeflächen hin und her, wedelten mit den Schwänzen und ließen die Zungen heraushängen.
»Tag.« Joe stieg mit einem schüchternen Lächeln aus und schlug die Tür zu. »Ich hoffe, es geht Ihnen besser, Lulu.«
»Wenn ich ordentlich ausschlafe, hat das immer Erfolg«, sagte sie leichthin.
Sein Blick ruhte noch eine Weile auf ihr, als habe er seine Zweifel. »Ich habe Bob mitgebracht, damit er Ihnen mit dem Gepäck helfen kann. Sind Sie fertig?«
Lulu lächelte und schaute zu dem sprachlosen Bob hinüber, der Dolly bewundernd ansah. »Wir müssen drinnen nur noch ein wenig sauber machen«, sagte sie und erhob sich.
»Kein Problem«, sagte Joe. »Ich komme später noch mal her und schaffe Ordnung.« Er stieß Bob an. »Ich glaube, du hast genug gesehen, Kumpel, wie wäre es, wenn du mir nun zur Hand gehen würdest?«
Bob lief rot an und folgte Joe in die Hütte. Die Hunde schossen weiterhin auf der Ladefläche hin und her, offenkundig in dem Wunsch, herunterzuspringen und jede kleine Kreatur im Busch zu jagen. Doch Joe wies die Tiere streng an, sich nicht vom Fleck zu rühren, und sie setzten sich gehorsam hin und hechelten. Kurz darauf war alles ordentlich verstaut und hinten auf Bobs Geländewagen festgezurrt.
»Ist es nicht gefährlich, sie auf der Ladefläche herumlaufen zu lassen, während Sie fahren?«, fragte Lulu, als sie ihre Reisetasche die Stufen hinuntertrug.
»Nö, das machen sie schon, seit sie Welpen waren. Siemüssen nur ein Mal runterfallen, dann wissen sie Bescheid.« Grinsend hielt er die Tür auf. »Springen Sie rein. Mum bereitet gerade das Frühstück vor, und es kalt werden zu lassen wäre schade.«
Lulu setzte sich neben Dolly auf den Vordersitz und presste ihre Tasche an die Brust, als Joe zu einer wilden Fahrt über den holprigen Weg den steilen Abhang hinauf ansetzte. Die Hunde bellten und jaulten und versuchten wie Matrosen auf rauer See das Gleichgewicht zu halten, hatten aber offenbar Gefallen an dieser unerwarteten Spritztour. Doch Lulu sah Dolly an, dass sie nicht annähernd so viel Spaß hatte.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte sie die Freundin über den Lärm des Motors hinweg.
»Ja, sobald ich festes Land erreicht habe«, sagte Dolly grimmig. »Versprich mir, Lulu, lass mich nie wieder so viel Schokolade essen.«
Lulu musste grinsen. Schokolade rangierte auf Dollys Liste der Leidenschaften gleich an zweiter Stelle hinter Pumps, und diese flehentliche Bitte hatte sie nicht zum ersten Mal gehört. Die Erfahrung hatte sie gelehrt, sie zu ignorieren.
Als der Wagen auf dem Hügel ankam und auf das Gehöft zudonnerte, überkam Lulu ein Gefühl des Unbehagens bei dem Gedanken, Joes Mutter kennenzulernen. Sie warf einen Blick zu ihm hinüber, sah seinen verspannten Unterkiefer, und ihr war klar, dass auch er nervös war. Bei der nervenaufreibenden Szene, die mit Sicherheit am Abend zuvor mit seiner Mutter stattgefunden
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